Die Münze des Monats
März 2026: Der große Gott von Odessos
Die Münze des Monats wird präsentiert von Rosa Ludwig
Die Koloniestadt wurde zu Beginn des 6. Jh. v. Chr. an der Westküste des Pontos Euxeinos von Siedler_innen der griechischen Stadt Milet gegründet (Ptol. 3.10.8; 8.11.6; Plin. Nat. hist. 4,45). Odessos wurde wahrscheinlich auf einer früheren thrakischen Siedlung errichtet. Die Stadt blieb zunächst unter dem Einfluss der Mutterstadt und war später Mitglied des Attisch-Delischen Seebundes. Im 4. Jh. v. Chr. wurde sie von thrakischen Stämmen eingenommen. Um 341 v. Chr. machte Philippos II. von Maedokien die Stadt zu seiner Verbündeten. Nach dem Tod Alexanders des Großen fiel Odessos in das Herrschaftsgebiet des Lysimachos. 313 v. Chr. führte Odessos die Revolte einiger Städte gegen den Diadochen an. Diese scheiterte aber und erst nach dem Tod des Lysimachos wurde die Stadt wieder eigenverwaltet. Damit brach eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte an. Odessos als Hafenstadt mit bester Lage handelte viel mit Edelmetallen. Ende des 2. Jh. v. Chr. unterstützte die Stadt Mithridates VI. von Pontos bei seinen drei Kriegen gegen die Römer. Es folgten unruhige Jahre für die Hafenstadt. 71 v. Chr. musste sie sich dem Feldherren Licinius Lucullus ergeben. Danach wurde sie von den Dakern und Burebista unterworfen. Nach seinem Tod war sie in der Hand der Thraker und Sadalas II. Im 1. Jh. n. Chr. wurde Odessos schließlich in die römische Provinz Moesia Inferior eingegliedert und eine weitere Blütezeit folgte.
Die materiellen Hinterlassenschaften von Odessos, vor allem aus den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens, sind rar. Auch die Münzprägung der Stadt begann erst um die Mitte des 4. Jh. v. Chr. mit Gold- und Silbermünzen nach attischem Standard.
Die Münze des Monats wurde im Hellenismus geprägt. Die Tetradrachme weist einen reduzierten attischen Standard auf und wirkt auf heutige Betrachter_innen eindrucksvoll. Sie ist groß, glänzt und ist nur leicht angelaufen. Ihre Form ist etwas oval und an einer Seite befindet sich ein rundes Loch, das auf dem Avers von Kratzern umgeben ist.
Auf dem Avers ist der Kopf eines bärtigen Mannes zu sehen, der nach rechts blickt. Sein gelocktes Haar wird von einem Diadem begrenzt. Auf dem Revers steht eine bärtige, männliche Figur nach links. Sie trägt ein langes Gewand, das am Oberkörper nur über der linken Schulter drapiert ist. In ihrer ausgestreckten rechten Hand hält sie einen Gegenstand, der wohl als Phiale zu lesen ist. In ihrem linken Arm, nah am Körper, hält sie ein Füllhorn. Die Darstellung ist sehr detailreich. Die Gewandfalten, die Muskeln des Oberkörpers, das Gesicht und die Haare der männlichen Figur sind filigran ausgearbeitet und aus der Cornucopia schaut eine erkennbare Weinrebe mit Trauben und Blättern heraus. Die Figur wird auf drei Seiten von einer Legende umgeben. Zu ihrer Rechten ist ΘΕΟΥ zu lesen, zur Linken ΜΕΓΑΛΟΥ, womit die Figur auf der Münze überhaupt erst benannt wird. Es handelt sich um den „Theos Megas“, den großen Gott.
Unter der Phiale ist das Ethnikon ΟΔΗ zu erkennen. Damit ist die Münze klar Odessos zuzuordnen. Im Abschnitt liest man den abgekürzten Magistratsnamen KYPΣΑ. Wer genau hinschaut, kann zudem auf dem Revers das Graffito A-ΔΗΕ(?), erkennen, das um den Kopf des Gottes eingeritzt wurde. Was diese Buchstaben bedeuten, bleibt unklar.
Das Motiv des großen Gottes tritt in Münzstädten an der Westküste des Schwarzmeeres, wie Odessos, Tomis oder Dionysopolis auf. Die Gottheit wird gelagert oder als Reiter dargestellt. Die Physiognomie eines reifen Mannes und das Füllhorn bleiben dabei ihre Attribute. Auf dem vorliegenden Münzbild wird mit der Opferschale eine weitere bekannte Darstellungsweise des großen Gottes gezeigt. In römischer Zeit wurde das Diadem teilweise durch einen Kalathos ersetzt. Der Theos Megas ist keine bekannte Gottheit und lässt sich trotz einiger Versuche von Wissenschaftler_innen nicht in den Kanon des griechischen Pantheons einbinden. Ikonographische Parallelen zu Zeus oder Hades, wie z. B. das Füllhorn, sind zwar zu ziehen, aber der Theos Megas ist nicht mit ihnen gleichzusetzen. Ihn mit Sarapis zu identifizieren, findet ebenfalls keine Bestätigung, obwohl dieser Gott im Hellenismus ähnlich dargestellt wird. Ob dagegen eine Verbindung zu den großen Göttern von Samothrake besteht, ist weiterhin ungeklärt. In der Region von Odessos ist der Thrakische Gott Darzalas nachgewiesen. Es wurde oft vermutet, dass der Theos Megas und Darzalas dieselbe Gottheit verkörpern und sich beide Namen lediglich als eine Art Synonym zueinander verhalten. Wie Gočeva jedoch richtig anmerkt, findet die direkte Gleichsetzung der beiden Gottheiten erst im 3. Jh. n. Chr. statt. Dort taucht der Theos Megas Darzalas als Eponymos der Stadt Odessos auf einer Ephebenliste auf. Für den Gott, der nun als Beschützer der Stadt eine immer größere Rolle einnahm, wurden Spiele veranstaltet und Priester ernannt. Er ist auch oft auf dem Revers der römischen Münzen zu finden. Die Verschmelzung des Theos Megas mit Darzalas zu einer Gottheit hat sicherlich etwas mit der Stellung der Thrakischen Bevölkerung zu tun, die in dieser Zeit für die Stadt und die Region immer wichtiger wurde.
Im Hellenismus scheint die Situation aber noch eine andere gewesen zu sein. Die Siedler_innen von Odessos brachten Apollon als ihre Schutzgottheit mit. Sie blieb es lange, und das spiegelt sich auch auf den frühen Münzen der Stadt wider. Im späten 3. und 2. Jh. v. Chr. wurde jedoch der Große Gott eingeführt. Seine Attribute erinnern an Zeus, Hades, Asklepios oder Dionysos. Allerdings ist er auf einigen Münzen, wie auch auf der vorliegenden Tetradrachme eindeutig als Theos Megas benannt. Damit verbindet die Münze den ikonographischen Typ der Gottheit unmissverständlich mit ihrem Namen.
Einige Hinweise auf den Gott in der Region von Odessos datieren in den Hellenismus. Dabei handelt es sich um Terrakotten und einen kleinen dorischen Tempel in Istros, der dem Theos Megas geweiht war. Trotzdem bleibt der Ursprung des Gottes unklar. Er wurde im Hellenismus gemeinsam mit Apollon zum Schutzgott der Stadt. Die Gründe für sein Auftauchen sind unbekannt. Der Gott scheint, wie oben erläutert mit Darzalas zunächst nicht in Verbindung gestanden zu haben und ist eher eine griechische Erfindung. Killen nimmt an, dass er als Parasema von Odessos diente. Also ein exklusives Symbol der Stadt und ihrer griechischen Einwohner_innen war, um sich als Hellenen von der sie umgebenden thrakischen Bevölkerung abzugrenzen. Gleichzeitig galt er auch unter den griechischen Koloniestädten als ein Alleinstellungsmerkmal. Der Theos Megas wäre in diesem Fall eine Gottheit, mit der sich die hellenistischen Griechen aus Odessos identifizierten und die sie zum Symbol ihrer Gemeinschaft und ihrer Stadt machten.
Eine alternative Erklärung ist, dass die griechischen Einwohner_innen von Odessos einen alten einheimischen Gott adaptierten, der die Stadt seit Urzeiten schützte. Dabei vermischten sich Elemente ihrer Göttervorstellungen mit der religiösen Tradition der Thraker_innen. Heraus kam ein „hybrider“ Gott, der weder mit Darzalas noch mit Zeus gleichgestellt werden kann, sondern der „Theos Megas“ ist. Seine Geburtsstunde im Hellenismus zu verorten, scheint plausibel, denn in dieser Zeit war die Hafenstadt gefestigt und erlebte eine wirtschaftliche Blüte. Die Beziehungen mit den Thraker_innen, die zuvor durch Konflikte geprägt wurde, war nun intensiviert und sicherlich stabiler und kooperativer. Außerdem waren die Nachfahren der Milesischen Siedler im Hellenismus schon lange Zeit am Schwarzen Meer Zuhause. Eine gewisse Entfremdung vom griechischen Festland ist anzunehmen. Man muss sich die Frage stellen, ob eine klare Abgrenzung zu der thrakischen Bevölkerung aufrechterhalten wurde, oder ob eine gewisse Assimilation erfolgte.
Durch Kontakte und kulturellen Austausch könnte eine neue Gottheit entstanden sein, die auf den Münzbildern dieser Zeit mit Namen und Ikonographie festgeschrieben wurde. Auf den römischen Münzen erscheint der große Gott, wie schon erwähnt, sehr häufig, allerdings ohne Beischrift. Das bedeutet, dass er zu dieser Zeit ikonographisch schon vollkommen etabliert war.
Die Datierung der Tetradrachme ist problematisch. Anhaltspunkte bietet der abgekürzte Name KYPΣΑ auf dem Revers. Durch diese Information kann die Münze auf das Ende des 3. Jh. v. Chr. datiert werden. Die Ikonographie des Motivs auf dem Geldstück und sein Gewichtsstandart lassen aber eher auf eine Anfertigung nach 168 v. Chr. schließen. Die Prägung ist also auf das Ende 3. Jh. bis Mitte 2. Jh. v. Chr. einzugrenzen.
Die Münze des Monats März zeigt beeindruckend, wie Geld das Medium von Identität sein kann. Sie wirkt individuell und nahbar. Das Loch und das Graffito erwecken den Eindruck eines intensiven Gebrauchs, der vielleicht auch über den eines reinen Zahlungsmittels hinausging. Das Besondere an ihr bleibt aber das Bild des Theos Megas, der mit all seinen Attributen Schlüsselaspekte der hellenistischen religiösen Kultur verkörpert. Die Gottheit kann als einzigartiges Symbol der hellenistischen Stadt Odessos gedeutet werden, in dem sich ihre Einwohner_innen als Hellenen und Nachfahren der Milesier_innen wiedererkannten. Es ist aber auch möglich, dass durch den Theos Megas eine Gottheit erschaffen wurde, mit der sich die Bewohner von Odessos, die sowohl griechischer als auch thrakischer Abstammung waren, identifizieren konnten. In beiden Fällen wäre die Münze Träger eines Motivs, das aus einem Kontext entstanden ist, in der zwei Kulturen aufeinandertrafen und dadurch geprägt wurden, sowohl durch Assimilation als auch durch bewusste Abgrenzung.
Literatur
B. Pick und K. Regling. Die antiken Münzen von Dacien und Moesien. Die antiken Münzen Nord-Griechenlands I, 2 (Berlin1910), S. 550, Nr. 2215,2.
Z. Gočeva, Der Kult des Theos Megas-Darzalas in Odessos, WürzbJb 7, 1981, 229-234.
O. Hoover, The Handbook of Coins of Macedon and its Neighbors, II. Thrace, Skythia and Taurike. Sixth to First Centuries BC, The Handbook of Greek Coinage Series III (London 2017).
Z. Gočeva, Organization or Religious Life in Odessos, Kernos 9, 1996, 121-127.
Der neue Pauly 8 (2000) 1106-1107 s. v. Odessos (I. Bodnár).
LIMC VII (1994) 918-919 s. v. Theos Megas (J. Zelazowski).
LIMC III (1986) 354-355 s. v. Darzalas (G. Zlatozara).
S. Killen, Parasema als Identitätsmarker griechischer Poleis in Thrakien, in U. Peter, V. Stolba (Hrsg.), Thrace. Local Coinage and Regional Identity (Berlin 2021), S. 99-105.
A. Michaelis, Sarapis Standing on a Xanthian Marble in the British Museum, Journal of Hellenistic Studies 6 (1885) 302f, Pl. E, 12.
M. J. Price, The Coinage in the Name of Alexander the Great and Philip Arrhidaeus (Zürich 1991) Nr. 1175-1176.
U. Peter, Religious-cultural identity in Thrace and Moesia Inferior, in C. Howgego, V Heuchert (Hrsg.), Coinage and Identity in the Roman Empire (Oxford 2005), S. 107–114.
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