Die Münze des Monats

April 2026: Kaiserporträt und Mythos: Eine pergamenische Münze der Severerzeit

Die Münze des Monats wird präsentiert von Sophie Preisler

Die vorliegende Bronzemünze aus dem mysischen Pergamon wird auf den Zeitraum zwischen 193 und 206 n. Chr. datiert; sie weist einen Durchmesser von 39 mm sowie ein Gewicht von 25,17 g auf. Ihr Avers zeigt ein Brustbild des Septimius Severus, der mit Lorbeerkranz, Panzer und Paludamentum dargestellt ist; die Legende „ΑVΤΟ ΚΑΙ Λ ϹΕΠΤ ϹΕΟVΗΡΟϹ ΠΕΡ“ bestätigt die Identität des Kaisers.

Septimius Severus, um 145 n. Chr. in Lepcis Magna (Africa Proconsularis) als Sohn einer ritterlichen Familie geboren, schlug in Rom die klassische senatorische Laufbahn ein. Nach den Wirren um die Ermordung von Commodus und Pertinax setzte er sich im Bürgerkrieg gegen Rivalen wie Didius Iulianus und Pescennius Niger durch und trat am 9. April 193 n. Chr. sein dies imperii an. Mit dem Sieg über Clodius Albinus im Jahr 197 n. Chr. festigte er die Herrschaft seiner Dynastie, die er gemeinsam mit seiner Gemahlin Iulia Domna aus Emesa sowie den Söhnen Caracalla und Geta anführte. Ein markantes Detail auf dem Avers dieser Münze ist zudem ein runder Gegenstempel, der den Kopf des Caracalla zeigt.

Unter der severischen Dynastie erlebte Pergamon, das im 2. Jahrhundert n. Chr. mit etwa 200.000 Einwohnern zu den Metropolen Kleinasiens zählte, eine besondere kaiserliche Förderung. Trotz des beginnenden Niedergangs im frühen 3. Jahrhundert blieb die Stadt ein kulturelles Zentrum, geprägt durch das berühmte Asklepieion und das Wirken des Arztes Galen; Caracalla verlieh ihr in dieser Zeit sogar eine dritte Neokorie.

Die Reverslegende „ΕΠΙ ϹΤΡ ΚΛΑVΔΙΑΝΟV ΤΕΡΠΑΝ ΠΕΡΓΑΜΗΝΩΝ Β ΝΕΟΚΟΡΩΝ“ verweist auf den hochrangigen Magistrat (strategos) der Stadt Pergamon Claudianus Terpandros und stützt damit die zeitliche Einordnung der Prägung.

Zudem zeigt das Revers Zeus in anthropomorpher Gestalt, wie er den neben ihm stehenden Ganymed küsst. Diese Motivwahl betont Pergamons Verbundenheit mit griechischen Mythen, die fest im regionalen Erbe Mysiens verwurzelt waren. Ganymed, der Sohn des Königs Tros und der Kallirhoë, galt als der „schönste aller Sterblichen." Eben jene Schönheit erregte die Aufmerksamkeit der Götterwelt und führte schließlich zu seiner Entführung in den Olymp, wo er Zeus fortan als Mundschenk diente und die Unsterblichen durch den Anblick seiner ewigen Jugend erfreute.

Während Homer (ca. 730 v. Chr.) als Hauptquelle des Mythos die erotische Anziehung zwischen Zeus und dem „goldhaarigen Jüngling“ (Hom. h. 5, 202) nur vage andeutet und primär die materielle Entschädigung des Königs Tros durch göttliche Rosse thematisiert (Hom. Il. 5, 265–267; 20, 231–235), wandelte sich die Erzählung in der Folgezeit maßgeblich. In späteren Ausgestaltungen avancierte die Verbindung zum Prototyp der homoerotischen Liebe innerhalb der Götterwelt. 

Diese Entwicklung spiegelt sich deutlich in der Ikonographie wider: In der Vasenmalerei wird Ganymed häufig mit dem Hahn als typische Liebesgabe, einem Spielreifen oder einer Lyra dargestellt. Diese Attribute kennzeichnen ihn im Sinne des griechischen Erziehungsideals als den begehrten Jüngling (Eromenos), der hierbei das jugendliche Gegenstück zum älteren Liebenden (Erastes) bildet. In der Skulptur und Mosaikkunst weist ihn zudem oft die phrygische Mütze als Hirten aus, während er in seiner Funktion als Mundschenk beim Einschenken des Nektars gezeigt wird. Damit fungiert der Mythos in der antiken Rezeption weniger als bloße Entführungsgeschichte, sondern vielmehr als mythologische Spiegelung zeitgenössischer sozialer Beziehungsmodelle, deren Bewertung stets eng mit den jeweiligen moralischen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Epoche verknüpft war.

In römischen Erzählungen, etwa bei Ovid (Met. 10, 155–161), tritt das Motiv der Entführung Ganymeds durch Zeus in Adlergestalt verstärkt in den Vordergrund. Diese ikonographische Umsetzung spiegelt sich zeitgenössisch im Münzwesen wider: So illustrieren Prägungen aus dem troadischen Ilion (vgl. CN-Type 20430, 2. Jh. n. Chr.) sowie aus Hadrianopolis in Thrakien (vgl. CN-Type 5862, spätes 2. bis frühes 3. Jh. n. Chr.) die Begegnung zwischen dem göttlichen Adler und dem menschlichen Jüngling.

Eine besonders dramatische Zuspitzung erfährt diese Szene zudem bei Vergil (Aen. 5, 250–257), der die Entführung auf dem Idagebirge durch das Motiv der vergeblich bellenden Hunde ergänzt. Die spätere literarische Schilderung der schwindenden Silhouette Trojas aus der Sicht des Entführten lässt sich dabei auf Statius’ Thebais (Stat. Theb. 1, 548–551) zurückführen.

Parallel zur Erotisierung des Stoffes wurden neben dem Berg Ida auch Kreta und Euboia als Schauplätze der Entführung genannt, da diese Regionen literarisch eng mit der Päderastie (Knabenliebe) verknüpft waren — eine Verbindung, die bereits Platon (Plat. leg. 636c) zu der Behauptung führte, die Kreter hätten den Mythos eigens zu diesem Zweck erfunden.

Die anhaltende Faszination für das Motiv des „Raubs des Ganymed“ manifestiert sich über die Antike hinaus in der neuzeitlichen Kunst, etwa in den gleichnamigen Werken Michelangelos (um 1550) oder Peter Paul Rubens’ (um 1630). Im frühen 17. Jahrhundert findet diese künstlerische Rezeption eine bemerkenswerte Entsprechung in der Astronomie: Mit der Benennung des größten Jupitermondes nach dem göttlichen Mundschenken durch Simon Marius erhielt die mythologische Figur eine dauerhafte Präsenz in einem völlig neuen wissenschaftlichen Kontext. Damit bleibt Ganymed als vielschichtige Symbolgestalt bis in die Moderne in unterschiedlichen kulturellen Sphären präsent.



Literatur

Lichtenberger A. 2011. Severus Pius Augustus. Studien zur sakralen Repräsentation und Rezeption der Herrschaft des Septimius Severus und seiner Familie (193–211 n. Chr.). Leiden/Boston.

Sichtermann H. 1948. Ganymed. Mythos und Gestalt in der antiken Kunst. Berlin.

Sölch B. 2012. „Ganymedes“, in: M. Moog-Grünewald (ed.), Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Musik und Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart (Der Neue Pauly. Supplemente 5). Stuttgart/Leiden, 264–273.

Strolonga P. 2018. „Variations on the Myth of the Abduction of Ganymede: Intertextuality and Narratology“, Yearbook of Ancient Greek Epic Online 2, 190–217.

Weisser B. 1995. Die kaiserzeitliche Münzprägung von Pergamon. München.

Münze ansehen

Alle Münzen und Typen des Monats: