Münzstätten
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- Name: Bizye
- Moderner Name: -
- Nomisma-ID: bizya
- Nomisma-Region: inland_cities_of_thrace
Inhalt
- Topographie und Geschichte
- Forschungsstand
- Prägesystem und Typologie
- Chronologie
- Besonderheiten der Prägung
- Bibliographie
- Auf der Karte anzeigen
Verknüpfte Datensätze
Topographie und Geschichte
Bizye ist eine thrakische Binnenstadt1 südlich des Strandzha-Gebirges.2 Die Stadt liegt abseits der großen Heeresstraßen im Osten Thrakiens,3 war aber trotzdem durch nahegelegene Verbindungsstraßen relativ gut an die bedeutenden Zentren der Balkanhalbinsel wie etwa Byzantion, Perinth und Markianopolis angeschlossen.4 In unmittelbarer Nähe von Bizye befinden sich die beiden Städte Bergule und Salmydessos.5
Schenken wir Strabon Glauben, so war Bizye die Hauptstadt des thrakischen Stammes der Asten.6 Später galt Bizye dann als Haupt- und Residenzstadt der letzten thrakischen Könige Kotys IV., Rhoimetalkes I., Rhoimetalkes II. und Rhoimetalkes III.7 In den ersten siebzig Jahren nach der Eingliederung der Stadt in die Provinz Thrakien ist uns nichts weiter über Bizye bekannt. Der epigraphische Befund deutet darauf hin, dass Bizye im Zuge der Auflösung der alten Strategienordnung8 unter Trajan den Status einer autonomen Polis erhalten hat.9 Schließlich begann Bizye unter Hadrian damit, eigene Münzen zu prägen.10 Nach Ansicht einiger Wissenschaftler könnte Philippus Arabs im Jahr 247 n. Chr. durch das Gebiet von Bizye gezogen sein,11 obgleich bei derartigen Schlussfolgerungen natürlich Vorsicht angeraten ist.
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Oberhummer 1899, Sp.552. ↑
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Jurukova 1981, 2. ↑
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Jurukova 1981, 1. ↑
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Johnston 1983, 231; Jurukova 1981, 2. ↑
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Jurukova 1981, 2. ↑
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Strab. VII frag. 48. ↑
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Jurukova 1981, 5; Varbanov (Vol. II) 2005, 118; Oberhummer 1899, Sp. 552. ↑
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Klose 1984, 523. ↑
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J. Jurukova geht von einer Stadtrechtverleihung aus. Jurukova 1981, 3. D. Klose weist aber zu Recht darauf hin, dass dies nicht notwendig der Fall ist. Klose 1984, 523. ↑
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Jurukova 1981, 6; Varbanov (Vol. II) 2005, 118. ↑
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Jurukova 1981, 13. ↑
Forschungsstand
Die Münzprägung von Bizye wurde bislang in erster Linie von J. Jurukova untersucht, die in der Reihe Griechisches Münzwerk einen Stempelkatalog erstellt hat. Auch wenn dieser Katalog berechtigte Kritik in den Rezensionen von A. Johnston12 und D. Klose13 erfahren hat, so liegt er doch weitgehend unserem Typenkatalog zugrunde. Dieser wurde aber um die zusätzlichen von I. Varbanov aufgeführten (und als authentisch erachteten) Typen sowie um weitere im Münzhandel zu Tage getretene Münztypen ergänzt. Weiterhin werden auch die jeweiligen Referenzstellen im neu erschienenen Band von J. Tachev angegeben.14
Prägesystem und Typologie
Die städtische Bronzeprägung setzte unter Hadrian ein. In Hinblick auf die Prägetätigkeit lassen sich zwei größere Prägelücken verzeichnen, die von 161 bis 193 n. Chr. sowie von 217 bis 244 n. Chr. datieren und wahrscheinlich auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen sind.15 Die Prägetätigkeit von Bizye erreichte während der fünfjährigen Regierungszeit von Philippus Arabs ihren Kulminationspunkt. Nach der Regierungszeit des Philippus Arabs stellte Bizye ihre Prägetätigkeit ein.
Das Nominalsystem von Bizye ist relativ komplex: Neben einigen Medaillons, die vornehmlich aus der Zeit von Philippus Arabs stammen,16 lassen sich in Anlehnung an J. Jurukova insgesamt fünf Nominalstufen differenzieren, die wir als “Einer”, “Zweier”, “Vierer”, “Fünfer” und “Sechser” bezeichnen 17 Die Münzen der sogenannten pseudo-autonomen Prägung werden in unserem Typenkatalog abweichend von J. Jurukova und J. Tachev, die jeweils „Einer“ und „Zweier“ unterscheiden möchte,18 hilfsweise allesamt als „Ein und ein halber“ bezeichnet.
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Klose 1984, 523. ↑
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Hinzu kommen ein unter Caracalla angefertigte Medaillons CN_Type1454 und ein Medaillon aus der Regierungszeit Gordians CN_Type1498. ↑
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Zur Nominalstruktur von Bizye siehe auch Jurukova 1981, 17; man berücksichtige aber auch die Kritik von A. Johnston und D. Klose: Johnston 1983, 232-234; Klose 1984, 525. ↑
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Jurukova 1981, 28f.; Tachev 2019, 82-86. ↑
Chronologie
Die meisten für Hadrian sowie für Sabina geprägten Münztypen zeigen auf dem Revers die Verteidigungsanlage von Bizye.19 Auf dem Revers einiger unter Hadrian geprägter Münzen ist der Name der Statthalter Maec(-ius oder -ilius) Nepos/Nepotianus20 und Quintus Tineius Rufus21 angegeben.
Unter Antoninus Pius sowie Marcus Aurelius (als Caesar) und Faustina iunior werden vornehmlich gängige Gottheiten abgebildet, wobei neben Zeus22 und Demeter23 eine Vorliebe für die Heilgötter Asklepios und Hygieia unverkennbar ist.24 Zudem ist das Auftreten der Isis auf den Münzen der Faustina iunior signifikant25 und kann als Indiz für orientalische Einflüsse in Bizye ausgelegt werden.26
Ein Novum der in severischer Zeit geprägten Münzen ist unter anderem die Darstellung des Kapaneus, was eine deutliche Reminiszenz an den Mythos des „Thebanischen Kreises“ darstellt.27 Erst in dieser Zeit finden einschlägige Personifikationen wie die Nike28 oder die Tyche29 Eingang in die Münzprägung der Stadt Bizye. Außerdem verdient eine sehr spezielle Prägung für Iulia Domna besondere Erwähnung, auf deren Revers Artemis Phosphorus wiedergegeben wird;30 diese hält in der ausgestreckten Rechten einen Pfeil und stützt sich auf eine lange Fackel.
Schließlich wurde unter Philippus Arabs eine Vielzahl von verschiedenen Münztypen geprägt. Dabei sind vor allem die Medaillons bemerkenswert,31 auf deren Revers zumeist ein recht komplexes Figurenensemble dargestellt ist. Unter Philippus Arabs erscheinen einerseits völlig neue Motive, so beispielsweise eine Kaiserdarstellung mit dem linken Fuß auf einer Prora32 oder die Abbildung der Tyche Poleos, die von einem Heros bekränzt wird.33 Andererseits werden aber auch ältere Motive wie etwa die Bankettszene34 und die Abbildung der Befestigungsanlage von Bizye35 wieder aufgegriffen. Besonderes Interesse verdient ferner eine Homonoia-Prägung aus der Regierungszeit des Philippus Arabs, auf deren Revers Apollon und Artemis, die Hauptgottheiten von Bizye und Byzantion,36 abgebildet sind; sie stehen vor einer großen Fackel und reichen sich die rechte Hand. Die Revers-Legende lautet: ΒΙΖVΗΝΩΝ ΒVΖΑΝΤΙΩΝ ΟΜΟΝΟΙΑ.37
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PIR² M 53. ↑
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PIR² T 227. ↑
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Jurukova 1981, 11. ↑
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Jurukova 1981, 11; Stoyas 2017, 309f. ↑
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CN_Type1416; CN_Type1428; CN_Type1449; CN_Type1452; CN_Type1453; CN_Type1456. ↑
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CN_Type1553; CN_Type1554; CN_Type1555; CN_Type1556; CN_Type1557; CN_Type1558; CN_Type1559; CN_Type1561; CN_Type1563. ↑
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Jurukova 1981, 17. ↑
Besonderheiten der Prägung
In der Münzprägung von Bizye finden sich erstaunlich viele mythologische Reminiszenzen. Ausweislich der numismatischen Evidenz spricht einiges dafür, dass Dionysos als mythischer Gründer der Stadt gilt.38 Weiterhin wird Bizye oftmals mit dem Mythos um Tereus assoziiert.39 Dies dürfte auf eine Verwechslung des mythischen Königs Tereus mit dem Odrysenkönig Teres I., dem Gründer des Odrysenreiches, zurückzuführen sein.40 Solinus berichtet, dass die Stadt Bizye von Schwalben nicht aufgesucht werde, und spielt dabei auf Philomela, die Schwägerin des Tereus, an, die diesem Mythos zufolge in eine Schwalbe verwandelt wurde.41 Ob dieser Mythos in einem vieldiskutierten Münztypus von Bizye Anklang findet, ist in der Forschung umstritten; wir halten das in Anlehnung an die Argumentation von M. Amandry für eher unwahrscheinlich.42 Ferner wird der „Thebanische Kreis“ rezipiert, zumal Bizye offensichtlich in einer Nahbeziehung zu Theben stand, der Polis, die Solinus zufolge ebenfalls von Schwalben gemieden werde.43 Der Heros Kapaneus hatte beim Zug der „Sieben gegen Theben“ geprahlt, nicht einmal Zeus könne die Stadt retten – woraufhin ihn ein Blitz getroffen hatte, als er die Mauer von Theben bestieg. Dieser Mythos findet Anklang in der Münzprägung von Bizye, in der sich Kapaneus-Darstellungen großer Beliebtheit erfreuten.44
Apollon firmiert als Hauptgottheit der Stadt.45 Er wird häufig in einer sehr speziellen Pose dargestellt: Er steht mit gekreuzten Beinen vor einem Omphalos, um den sich eine Schlange windet, hält in der Rechten eine Patera und streckt sie über den Kopf der Schlange aus.46 Bezeichnenderweise sind, wie oben erwähnt, auf der einzigen aus Bizye bekannten Homonoia-Münze ebenfalls Apollon und Artemis zu identifizieren.47
Verglichen mit anderen thrakischen Münzstätten ist ersichtlich, dass auf den Rückseiten der in Bizye geprägten Münzen keine Lokalerzeugnisse abgebildet sind.48 Die häufige Darstellung der Demeter49 sowie die Abbildung des selten belegten Zeus Epikarpios sind allerdings ein klarer Hinweis auf die Bedeutung der Landwirtschaft in Bizye.50 Ähnlich lässt sich das häufige Auftreten des Dionysos51 Demeter und Dionysos erfreuen sich neben Hermes52 und Poseidon53 in der „pseudoautonomen Prägung“ großer Beliebtheit.
Hervorzuheben ist ferner die Darstellung der Verteidigungsanlage von Bizye,54 die interessanterweise auch auf den ersten unter Hadrian emittierten Münzen in Erscheinung tritt, was beredtes Zeugnis über die Bedeutung des Verteidigungssystems der einstigen Hauptstadt der thrakischen Könige in frührömischer Zeit ablegt.55 Abgebildet ist ein von Türmen flankiertes Stadttor, über dem sich Statuennischen befinden; darüber ist eine Figur in einer Quadriga zu erkennen. Auf einigen unter Philippus Arabs geprägten Medaillons ist ferner eine Stadtansicht dargestellt,56 auf der unter anderem ebenfalls das Stadttor von Bizye zu sehen ist. Eine Gesamtansicht einer Stadt aus der Vogelperspektive ist im numismatischen Befund ziemlich einmalig und stellt daher eine eklatante Besonderheit der Münzprägung in Bizye dar.
Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von Mai 2020 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.
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Jurukova 1981, 7. ↑
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Dieser Mythos, in dem der Thrakerkönig Tereus seine Schwägerin vergewaltigt, aus Rache von ihr und seiner Gattin – der Schwester der Gepeinigten – seinen eigenen Sohn zum Mahl vorgesetzt bekommt und schließlich zusammen mit den beiden Frauen in Vögel verwandelt wird, ist relativ ausführlich bei Ovid tradiert: Ov. Met. VI, 412–674. ↑
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Jurukova 1981, 1. ↑
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Sol. X 17-23. ↑
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Ein häufiger Münztypus zeigt auf dem Revers eine Bankett-Szene. CN_Type1379; CN_Type1396; CN_Type1477; CN_Type1556. M. Amandry setzt sich in einem 2017 erschienen Aufsatz damit auseinander, ob es sich dabei vielleicht um eine Reminiszenz an diesen Mythos handeln könnte, entscheidet sich dann aber aus einleuchtenden Gründen dagegen. Dazu: Amandry 2017, 291-298. ↑
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Jurukova 1981, 1f. ↑
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CN_Type1410; CN_Type1426; CN_Type1458; CN_Type1517; CN_Type1530. Hierzu: Stoyas 2017, 299–312. ↑
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Jurukova 1981, 6f.; Klose 1984, 525. ↑
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CN_Type1376; CN_Type1412; CN_Type1425; CN_Type1445; CN_Type1502; CN_Type1539; CN_Type1605; CN_Type1620. ↑
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Jurukova 1981, 6. ↑
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„Pseudo-autonomen Prägung“: CN_Type1338. „Städtische Prägung“: CN_Type1392; CN_Type1397; CN_Type1419; CN_Type1420; CN_Type1438; CN_Type1472; CN_Type1501; CN_Type1523; CN_Type1536; CN_Type1568; CN_Type1569. ↑
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Jurukova 1981, 6. ↑
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„Pseudo-autonomen Prägung“: CN_Type1319; CN_Type1322; CN_Type1325; CN_Type1326. „Städtische Prägung“: CN_Type1389; CN_Type1393; CN_Type1506; CN_Type1587 als Indiz für die Bedeutung des Weinbaus interpretieren. ↑
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CN_Type1326; CN_Type1353; CN_Type1395; CN_Type1354; CN_Type1411; CN_Type1424; CN_Type1444; CN_Type1451; CN_Type1518. Dazu Jurukova 1981, 7; S.39; Klose 1984, 525. ↑
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Jurukova 1981, 7. ↑
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CN_Type1557; CN_Type1559. Dazu Jurukova 1981, 19. ↑
Bibliographie
- Amandry 2017 = M. Amandry, Térée et Procné représentés sur le monnayage de Bizye, in: D. Boteva (Hrsg.), Ex Nummis Lux. Studies in Ancient Numismatics in Honour of Dimitar Draganov ( Sofia 2017) 291–298.
- Johnston 1983 = A. Johnston, The Denominational Systems of the Greek Imperials of Bizye in Thrace, in: NC 143, 1983, 231–239.
- Jurukova 1981 = J. Jurukova, Die Münzprägung von Bizye. Text- und Tafelband, Griechisches Münzwerk, Berlin 1981.
- Klose 1984 = D. Klose, Rezension zu J. Jurukova, Die Münzprägung von Bizye, in: Gnomon 56, 1984, 522–528.
- Oberhummer 1899 = E. Oberhummer, Bizye, in: RE III 1, 1899, 552.
- Stoyas 2017 = Y. Stoyas, Where Swallows Fear to Tread. Kapaneus Teichomaches on Coins of Bizye, in: D. Boteva (Hrsg.), Ex Nummis Lux. Studies in Ancient Numismatics in Honour of Dimitar Draganov (Sofia 2017), 299–312.
- Tachev 2019 = J. Tachev, Monetosečeneto na Bizija (The Coinage of Bizye) (Sofia 2019).
- Varbanov (Vol. II) 2005 = I. Varbanov, Greek Imperial Coins. And Their Values, Vol. 2: Thrace. From Abdera to Pautalia (Bourgas 2005).