Münzstätten
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- Name: Chersonesus Thracica
- Moderner Name: -
- Nomisma-ID: chersonesus_thrace
- Nomisma-Region: thracian_chersonesus
Inhalt
- Topographie und Geschichte
- Forschungsstand
- Prägesystem und Typologie
- Bibliographie
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Verknüpfte Datensätze
Topographie und Geschichte
Die sogenannte Thrakische Chersones, heute Gelibolu/Gallipoli, ist eine längliche Halbinsel und hat seit je eine wichtige strategische Lage als Brücke zwischen Europa und Asien. Die Halbinsel erstreckt sich entlang der kleinasiatischen Küste, zwischen beiden liegt der Hellespont. In der Antike war die Thrakische Chersones vor allem auf dieser östlichen Seite besiedelt, da hier der Schiffsverkehr zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer verlief; es gab aber auch auf der Seite zur Ägäis Siedlungen1. Während die hellespontische Küstenseite vor allem durch schmale Gebirgstäler geprägt ist, ist an der Nordküste mit ihren fruchtbaren Ebenen Ackerbau und Viehzucht möglich2. Neben der strategisch günstigen Position liegt in der Landwirtschaft der zweite Grund für eine Besiedlung der Halbinsel, die seit der Zeit des Miltiades durch eine quer verlaufende Mauer vor Eindringlingen geschützt war.
Literarische Erwähnung fand die Halbinsel seit Homer3. Thukydides überliefert, dass auf der Chersones Thraker leben, die vor allem im Austausch mit der kleinasiatischen Küste stehen4. Eine erste Erwähnung des Namens der thrakischen Chersones findet sich bei Hekataios5. Herodot berichtet vom Stamm der Dolonker auf der Halbinsel, welche auch Miltiades d. Ä. als Unterstützung gegen die Apsinthier auf die Chersones holten6.
Im Rahmen der griechischen Kolonisation wurden auf der Chersones - vermutlich ab dem 7. Jh. v. Chr. - Siedlungen gegründet7. Seit der Mitte des 6. Jhs. gab es Bestrebungen Athens, die Vorherrschaft in dieser Region zu erlangen. Durch Miltiades d. Ä. wurden zahlreiche Siedlungen neu bzw. wieder gegründet. Im Peloponnesischen Krieg spielte die Thrakische Chersones eine entscheidende Rolle; auch war sie Ausgangspunkt des Asienfeldzuges von Alexander dem Großen.
Seit Ende des 1. Weltkrieges war die Halbinsel militärisches Sperrgebiet, wodurch archäologische Untersuchungen erschwert wurden8.
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Zur vorgriechischen Besiedlung s. Tzvetkova 2000/2001, 23f. ↑
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Der landwirtschaftliche Aspekt spiegelt sich teils in den griechischen Siedlungsnamen: Elaious, Krithote, Aigospotamoi. ↑
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Im Schiffskatalog der Ilias (Hom, Il 2, 835-839) wird Sestos erwähnt und eine weitere Stelle spricht über die Thraker (Hom, Il, 2, 844-848), die der strömende Hellespont umgibt, Häuptlinge sind Akamas und Peiroos, Sohn des Imbras. Zu Homer Tzvetkova 2000/2001, 25f. ↑
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Thuk. 1.11.1. ↑
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Hekat. Fr. 163. ↑
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Hdt. 6.34. Tzvetkova 2000/2002 schließt daraus, dass die ursprünglich auf der Halbinsel siedelnden Skaier durch die mit Miltiades ankommenden Athener Dolonker genannt wurden. ↑
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Äolische Siedlungen: Sestos, Madytos, Alopekonnesos. Ionische Kolonisten: Limnai, Kardia. Elaious ist wahrscheinlich eine athenische Gründung. s. dazu die Texte zu den einzelnen Münzstätten hier und Loukopoulou 2004, 900. ↑
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Ausnahmen sind die Untersuchungen der Nekropole von Elaious, von Madytos und des Siedlungshügels “Grab des Protesilaos”, außerdem finden epigraphische und archäologische Surveys statt. ↑
Forschungsstand
Eine umfassende Untersuchung zum Thema der Münzprägung der Thrakischen Chersones steht bislang aus9; mehrere Aufsätze widmen sich Teilaspekten der Prägung. Mit dieser sind verschiedene Unwägbarkeiten verbunden; unklar ist etwa, welche Münztypen überhaupt einer Gemeinschaftsprägung der Halbinsel zuzuordnen sind. In unserer Typologie berücksichtigen wir eindeutig durch Legenden zuschreibbare sowie die in der numismatischen Literatur traditionellerweise hier verorteten Münzen.
Obwohl sich in der Literatur mehrmals für Kardia als Prägestätte der Serie ausgesprochen wurde, was auf Grund teils ähnlicher Motive wahrscheinlich gemacht werden kann, werden die Münzen in der Corpus Nummorum Datenbank unter einer fiktiven Münzstätte “Thrakische Chersones” geführt, um die Unterscheidung von der Städteprägung von Kardia zu vereinfachen.
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Neben der Münzprägung mit der Aufschrift XEP spricht für eine Gemeinschaft der Chersones bzw. eine Art chersonitischen ‘Staat’ die Auflistung einer gemeinsamen Zahlung in den athenischen Tributlisten, s. Loukopoulou 2004, 901. ↑
Prägesystem und Typologie
Verschiedene Silber- und Bronzeprägungen werden der Thrakischen Chersones zugewiesen, als deren Münzstätte wird im allgemeinen Kardia/Lysimacheia oder Agora/Chersones angenommen. Die Zuweisung erfolgt wegen der Legenden XEP oder XEPPO und auf Grund von metrologischen, motivischen wie stilistischen Ähnlichkeiten zu diesen. Wiederkehrende Motive in beiden Metallen sind der Athenakopf, Kopf oder Protome des Löwen sowie das Gerstenkorn.
Silberprägung
In der numismatischen Literatur werden zwei gut voneinander abgrenzbare Serien in Silber der Thrakischen Chersones zugewiesen und als eine Art Gemeinschaftsprägung dieser für Zahlungen oder den Außenhandel interpretiert10.
Die ältere Serie von Stateren/Tetradrachmen (16.2-16.9 g) zeigt einen zurückblickenden ganzfigurigen Löwen auf der Vorderseite und einen Athenakopf mit korinthischem Helm auf der Rückseite11. In der jüngsten Beschäftigung mit dieser Serie sprechen sich K. Sheedy und G. Davis für eine Prägung der Münzen in Kardia um 478-466 v. Chr. im schweren persischen Münzfuß aus12. P. van Alfen sieht Münzen mit Löwenprotome mit zurückgewandtem Kopf auf dem Avers und Quadratum Incusum auf dem Revers als zu dieser Serie zugehörig an mit Stückelungen von dieser mit einem ⅙, 1/12 und 1/48 Stater13. Ebenfalls zu dieser Periode und der Prägung der Chersones sind wohl ⅙, 1/12, 1/24 und 1/48 Statere mit Löwenkopf und Incusum zu rechnen14.
Eine spätere, in die zweite Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. zu datierende15, sehr viel umfangreichere Prägung wird allgemein als Hemidrachmen16 bezeichnet und zeigt auf der Vorderseite eine zurückblickende Löwenprotome sowie auf der Rückseite ein Quadratum incusum. In den beiden sich gegenüberliegenden Vertiefungen des Quadratum incusum befinden sich für gewöhnlich Buchstaben, Symbole oder Monogramme17. Der Durchmesser der Münzen beträgt 12-15mm, ca. 80% haben einen Durchmesser von 13-14 mm, das Gewicht rangiert zwischen 1.77 g und 2.79 g, wobei die meisten Exemplare zwischen 2.2 und 2.4 g wiegen und somit für den in den Literatur vermuteten persischen Münzfuß etwas zu leicht sind18. Die Serie dieser Münzen ist sehr groß und typologisch durch die verschiedenen Buchstaben, Monogramme und Symbole19 auf den Rückseiten und ihre Kombinationen20 unterscheidbar. Auffällig ist, dass die Stempel häufig größer als die Schrötlinge waren, wodurch die Stempelbilder von Vorder- und Rückseite oft nicht vollständig abgebildet sind. Es finden sich unzählige Exemplare, auf denen die Beizeichen der Rückseite undeutlich sind oder außerhalb des Schrötlings liegen, was für eine rasche Produktion spricht21.
Iulia Tzvetkova sind 34 Hortfunde dieser Hemidrachmen aus der numismatischen Literatur bekannt22, P. van Alfen publizierte kürzlich einen größeren Hortfund dieser Hemidrachmen, der aus dem thrakischen Gebiet stammen soll23. Die Hemidrachmen finden sich häufig in Hortfunden zusammen mit parischen Hemidrachmen, speziell im heutigen Bulgarien24 und im europäischen Teil der Türkei.
Bronzeprägung
In die zweite Hälfte des 4. Jh. v. Chr. werden Bronzemünzen mit den Vorderseiten-Motiven eines Löwenkopfes nach rechts25 oder links26, einem weiblichen Kopf in Dreiviertelansicht27 und einem Athenakopf28 und jeweils einem Gerstenkorn auf der Rückseite datiert, deren Zuweisung durch die Rückseitenlegende XEPPO oder XE an die Chersones gesichert ist. Diese Bronzen gehören meist einer Nominalstufe an, deren Durchmesser bei 10-12 mm liegt und die ein Gewicht von 1.4 g im Mittel haben29.
Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von Januar 2023 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.
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Zu weiteren möglicherweise der Chersones zuzuweisenden Prägungen s. van Alfen 2021. ↑
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Sheedy - Davis 2019 mit Zusammenstellung eines Corpus der bekannten Stücke. Sie widersprechen der bisherigen Forschungsmeinung, diese Serie stehe im Zusammenhang mit Miltiades, s. van Alfen 2021 153-154. ↑
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van Alfen 2021, 152-154, 161: euböischer Münzfuß mit einem Stater zu 17,2 gr. CN_Type6465; CN_Type6466. Van Alfen diskutiert hier weitere mögliche Zuschreibungen von anepigraphischen Münzserien an die thrakische Chersones. ↑
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CN_Type6455. van Alfen 2021. ↑
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von Tzvetkova 2019, 49, ca. 360-309 v. Chr. datiert ↑
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Gelegentlich auch als Triobole, Halbsigloi oder Viertelstatere identifiziert. ↑
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Eine Problematik in der Ordnung dieser Serie ist, dass die Monogramme, Symbole und Buchstaben in der Literatur oft sehr unterschiedlich beschrieben werden. So ist nicht immer klar, welches Element gemeint ist und oft handelt es sich bei verschiedenen Beschreibungen um ein und dasselbe Symbol. So ist z.B. für dasselbe Beizeichen die Bezeichnung Fackel, Bukranion oder Kerykeion zu finden (weitere alternative Benennungen: Sichel/Zikade/zwei parallele Linien etc.). Eine ausführliche Besprechung dieser Hemidrachmen findet sich bei Tzvetkova 2019 mit Auflistung aller ihr bekannten Buchstaben, Monogramme und Zeichen. s. weiterhin Murphy 2004; Goldsborough 2013. ↑
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Deshalb werden sie in der Corpus Nummorum-Typologie als Hemidrachmen des reduzierten persischen Münzfußes angesprochen. ↑
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Tiere: Zikade, Biene, Fisch, Delfin, Widderkopf, Muschel, Hahn, Fliege, Eidechse; Pflanzen: Efeublatt, Gerstenkorn, Ähre, Blüte, Mohnblume, Weintraube, Weinblatt, Olivenblatt; Gegenstände: Kranz, Stern, Fackel, Swastika, Keule, Kerykeion, Bukranion, Pflug, Sichel, Pentagramm, Patera, Amphora, Lekythos mit Strigilis, Kelle, Bogen. ↑
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Diese Rückseitenkombinationen scheinen einer gewissen Systematik zu folgen. So finden sich z.B. auf den Rückseiten niemals zwei Buchstaben, Monogramme oder Symbole kombiniert. ↑
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Diese Exemplare wurden von der Typisierung in der Datenbank ausgeschlossen, aber als Einzelexemplare aufgenommen. ↑
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Tzvetkova 2019, 35-38 mit Liste und Karten. ↑
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van Alfen 2018: IGCH 738. ↑
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Einziger “außerthrakischer” Fund ist ein Hortfund aus Sidon, Phönizien, Tzvetkova 2019, 38. ↑
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CN_Type6483.[CN_Type6481).[CN_Type_6480).(CN_Type6488). ↑
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Einzig CN_Type6492 ist schwerer und CN_Type6485 ist leichter als der Durchschnitt, was bei ersterem aber an der Zusammenlegung verschiedener Münzen mit undeutlichem Beizeichen zu einem Typ liegen kann. ↑
Bibliographie
- van Alfen 2018 = P. van Alfen, The Thrace (?), c. 1955 Hoard (IGCH 738), in: Nathan T. Elkins - J. DeRose Evans, Concordia Disciplinarum, Essays on Ancient Coinage, History, and Archaeology in Honor of William E. Metcalf. Numismatic Studies 38 (New York 2018) p. 29-49.
- van Alfen 2021 = P. van Alfen, Ambiguities in Monetary Authority: the Archaic Coinage of the Thracian Chersonese, in: U. Peter - V. Stolba, Thrace - Local Coinage and Regional Identity. Berlin Studies of the Ancient World 77, p. 141-179.
- Draganov 1993 = D. Draganov, An unknown hybrid hemidrachm of Parium and Thracian Chersonesus, in: Proceedings of the XIth International Numismatic Congress, Brussels 1991, Vol. I, (1993) p. 169-172.
- Goldsborough 2013 = R. Goldsborough, Cherronesos Lion (webpage about hemidrachms focusing on the aspect of forgery). [http://rg.ancients.info/lion/cherronesos.html]
- Hoover 2017 = O. D. Hoover, Handbook of coins of Macedon and its neighbors. Part II: Thrace, Skythia, and Taurike: sixth to first centuries BC, 2017, p. 91-95.
- Loukopoulou 2004 = L. Loukopoulou, Thracian Chersones, in: M. H. Hansen - Th. H. Nielsen (Hrsg.), An Inventory of Archaic and Classical Poleis, p. 900-911.
- Murphy 2004 = B. P. Murphy, The Coinage of Thracian Cherronesos (webpage with illustrated list of hemidrachm specimens). [http://bpmurphy.ancients.info/chersonese/Cherronesos.htm]
- Sheedy - Davis 2009 = K. A. Sheedy - G. Davis, Miltiades II and his alleged mint in the Chersonesos, Historia 68, p. 11-25. Tzvetkova 2000/2001 = I. Tzvetkova, Die Thrakische Chersones und die thrako-griechischen Kontakte in der Zeit vor den Philaiden, in: Boreas. Münstersche Beiträge zur Archäologie Band 23/24, Münster, p. 23-34.
- Tzvetkova 2019 = I. Tzvetkova, The hemidrachms of the Thracian Chersonese: a classification approach, in: M. Minkova - J. Tzvetkova - I. Prokopov (ed.), Numismatic collection of the Regional museum of Stara Zagora (ancient Augusta Traiana) : Thracian, Macedonian, Greek and Roman republican coins from 6th to 1st Century BC, COIN COLLECTIONS AND COIN HOARDS FROM BULGARIA (CCCHBulg) Vol. VIII, Sofia/Stara Zagora, p. 33-55.