Die Münztypologie von

Ainos

Topographie und Geschichte

Die antike Stadt Ainos, das heutige türkische Enez, lag an der Hebrosmündung.1 Die Kontrolle des Flusses ermöglichte der Stadt gute Handelskontakte nach Ostthrakien bis zu den Städten der Schwarzmeerregion.2 Insbesondere bestanden wohl Verbindungen zwischen Ainos und Apollonia Pontika.3 Das thrakische Inland war auf dem oder entlang des Hebros von hier aus gut erreichbar, ohne wie an anderen Küstenstellen Gebirge überwinden zu müssen. Nicht nur durch Handel, sondern auch mit Landwirtschaft, insbesondere durch Fischerei, wurde die Stadt wohlhabend.4

Ainos wird bereits in der Ilias5 und bei Herodot6 erwähnt. Der Ort wurde als eine aiolische Kolonie zunächst von Siedlern aus Alopekonnesos, später aus Mytilene und Kyme, im 7. Jahrhundert v. Chr. gegründet;7 der angebliche frühere thrakische Name des Ortes war Poltymbria.8 Als Mitglied des 1. Attisch-delischen Seebundes zahlte Ainos hohe Abgaben von 10-12 Talenten in der Zeit zwischen 454-439 v. Chr.9 Ainos stand im Peloponnesischen Krieg auf der Seite Athens; 413 v. Chr. waren Ainier an der Sizilischen Expedition beteiligt.10 Die Stadt wurde 375 v. Chr. Mitglied im 2. Attischen Seebund.11 Nach 350 v. Chr. war Ainos Teil des makedonischen Reichs. Während andere thrakische Städte wie Maroneia im 4. Jh. v. Chr. weiter florierten, nahm die Bedeutung von Ainos aus bislang nicht näher zu klärenden Gründen ab.12 Im Anschluss gehörte Ainos zum Reiche der Ptolemäer, der Attaliden und schließlich der Römer.

  1. Das heutige Enez liegt weiter landeinwärts als das antike Ainos. Es wird angenommen, dass schon in der Antike auf Grund zunehmender Versumpfung des Hebros-Deltas eine Umsiedlung nötig wurde. ↑

  2. Lage und Naturraum: May 1950, 1–7; Isaac 1986, 140–145. ↑

  3. Dies sieht May 1950 auch durch korrespondierende Münzfüße bewiesen. ↑

  4. Ath. III 92d. VII 285. ↑

  5. Hom. Il. 4,520 Ainos als Heimat des Peiroos, Anführer der Thraker, einer der zwei Anführer der Ost-Thraker, die westlich des Hellespontes lebten. Wegen der Namensähnlichkeit wurde oft nahegelegt, dass Ainos von Aeneas nach seiner Flucht aus Troja gegründet worden sei, so z.B. Verg. Aen. III 18. ↑

  6. Hdt. IV 90. ↑

  7. Isaac 1986, 147. ↑

  8. Strabon VII,6,1. ↑

  9. Isaac 1986, 150. 435 v. Chr. allerdings nur 4 Talente und 434, 431 und 429 v. Chr. nicht in der Tributliste vertreten, Diskussion zu den Gründen s. Isaac. ↑

  10. Thuc. II 29, 5. IV 129, 2. VII 57,5. ↑

  11. Isaac 1986, 154. ↑

  12. Isaac 1986, 154–156. ↑

Forschungsstand

Band 2 der Antiken Münzen Nord-Griechenlands behandelt in seinem ersten Teil die antiken Münzen Thrakiens, darunter die Silber- und Bronzeprägung von Ainos. F. Münzer und M. L. Strack stellen unter Berücksichtigung zahlreicher Museums- und Privatsammlungen sowie von Münzen aus dem Handel die Prägeserie der Stadt zusammen, welche sie 478 v. Chr. nach Ende der Perserherrschaft beginnen lassen.13 Die Chronologie der Münzprägung orientiert sich an der vorhergehenden Studie H. von Fritzes.14 Der Silberprägung von Ainos widmete J. M. F. May 1950 eine eigene Studie, die die Jahre 474-341 v. Chr. nach seiner Periodisierung umfasst. In diesem Zeitraum definiert er 70 Emissionen, die sich durch Beizeichen auf den Münzen unterscheiden lassen. J. M. F. May wies diese Emissionen einzelnen Jahren zu, so dass er für diese Periode zu einer jahresgenauen Datierung kommt, deren Exaktheit in Frage zu stellen ist und einer Überarbeitung bedarf, die im Rahmen der Typisierung für CN aber nicht geleistet werden kann. Auf der genannten Literatur sowie auf weiteren im Handel und aus Publikationen bekannten Münzen basiert unsere Typologie, wobei wenige, heute nicht mehr zu rekonstruierende Typen nicht berücksichtigt wurden.15

  1. Gaebler 1935. ↑

  2. Fritze 1909. ↑

  3. Z.B. Gaebler 1935, Nr. 293*, da unklar ist, ob es sich im zitierten Katalog um ein oder zwei Münzen handelt. Dasselbe gilt für viele weitere mit * gekennzeichnete Münzen bei Gaebler 1935, die dort schon wegen der Zweifel so gekennzeichnet und aus der Typologie ausgelassen wurden, z.B. auch Nr. 305 und 306. ↑

Prägesystem und Typologie

Münzen wurden nach J. M. F. May ab den 70er Jahren des 5. Jhs. v. Chr. in Ainos vornehmlich in Silber geprägt. Die umfangreiche, aber motivisch gleichförmige Prägung erlosch mit der Eroberung durch Philipp von Makedonien um 341 v. Chr. Ergänzend dazu fand ab dem späten 5. oder frühen 4. Jh. v. Chr. eine Prägung in Bronze statt, die auch über das Ende der Silberprägung hinaus - über den Hellenismus bis in die frühe Kaiserzeit - lief. Ainos war eine der Prägestätten des Lysimachos, als Münzstättenzeichen wurde das Xoanon des Hermes benutzt. Aus der Provinzialprägung sind von Mark Aurel und Caracalla Typen bekannt; hinzu kommen noch einige pseudo-autonome Münzen. Auf den autonomen Münzen finden sich die Legenden AI, AINI, AINION und auch AINIΩN.

Prägeablauf und Metrologie

Die Münzprägung ist sehr einheitlich: Es können zwei große Prägephasen mit jeweils vier Nominalstufen in Silber anhand der Motive unterschieden werden. In der ersten Phase (nach May 474-409 v. Chr.) tragen alle Nominale auf der Vorderseite einen Hermeskopf mit Petasos im Profil, meist nach rechts. Die Rückseiten zeigen neben dem hauptsächlich vertretenen Ziegenbock in der Anfangsphase auch das Kerykeion als distinktives Attribut des Hermes. Auf den Reversen erscheinen außer dem Ethnikon auch nominalübergreifend Beizeichen, welche J. M. F. May nutzte, um die Prägung jahresweise zu datieren, indem er sie als jährliche Emissionszeichen bzw. Beamtenzeichen interpretierte. Diese Einteilung nach Jahren von J. M. F. May wurde in unserer Typologie übernommen, ist aber auf Grund ihrer absoluten Präzision kritisch zu prüfen. Bezüglich der in Ainos verwendeten Münzfüße gab es zahlreiche Spekulationen:16 Es ist mit J. M. F. May anzunehmen, dass in der ersten Phase in Anlehnung an den persischen Münzfuß entsprechend Tetradrachmen bzw. Trisigloi geprägt wurden.17 Kurz nach dem Abzug der Perser aus der Region habe man sich in Ainos an deren Gewichtssystem orientiert, aber eine Stückelung nach dem Drachmensystem vorgenommen.18 Die zweite Phase (402-340 v. Chr. nach J. M. F. May) der Münzprägung ist durch eine Wendung des Hermeskopfes auf der Vorderseite in die Dreiviertelansicht motivisch gekennzeichnet. Zu konstatieren ist weiterhin, dass die Gewichte der Nominale abnehmen; ob es sich hierbei um einen Wechsel des Münzfußes zum chiotischen Standard, wie die Motivveränderung nahelegt, oder um eine bloße Reduktion des bisher verwendeten Standards handelt, ist nicht zu entscheiden. Dieselben vier Nominalstufen werden weiter geprägt, die Tetradrachmen wiegen nun noch um die 15,6 g. Die Rückseiten der Tetradrachmen und Tetrobole zeigen weiterhin den Ziegenbock mit wechselnden Beizeichen, wohingegen später in der Phase einsetzende Drachmen das Kultbild des Hermes Perpheraios auf einem Thron abbilden. Dasselbe Motiv findet sich auch auf einem einzigen Goldtyp, einer Drachme bzw. einem Viertelstater, der ca. vom Beginn bis zur Mitte des 4. Jhs. v. Chr. datiert.19

Ab dem 4. Jh. v. Chr. läuft parallel eine kleinere Bronzeserie, welche zu Beginn die Motivik um Hermes übernimmt und den Hermeskopf, Hermes ganzfigurig sowie das Kerykeion, den Ziegenbock und den Thron mit Kultbild abbildet. Im 3. Jh. v. Chr. wird dann ein männlicher bärtiger Kopf, gewöhnlich als Zeus gedeutet, in Kombination mit einer Herme und ein Poseidonkopf in Kombination mit einer Hermesfigur mit den typischen Attributen abgebildet. Die Unterteilung dieser Bronzemünzen in Nominalstufen auf Grund von Durchmesser und Gewicht fällt nicht leicht. Obgleich sich natürlich einfach eine große und kleine Nominalstufe feststellen lassen, ist deren Abgrenzung zu einer mittleren Nominalstufe auf Grund relativ fließender Gewichtsverteilungen schwierig. Versuchsweise werden in der Datenbank von CN die Gewichtsstufen folgendermaßen definiert: kleines Nominal: ca. 11 bis 15 mm Durchmesser und Gewicht 0,32 bis unter 3 g. Mittleres Nominal: ca. 15 bis 19 mm und über 3 bis unter 6 g. Großes Nominal: ca. 19 bis 23 mm und über 6 bis 8,70 g.20 Sollte sich die Materialbasis pro Typ erhöhen und so valide Daten vorhanden sein, kann es hier noch zu Verschiebungen von Typen zwischen den Nominalen kommen.

Aus römischer Zeit sind bislang zwei Typen von Caracalla bekannt; sein Porträt wird mit dem Herakleskopf und Castor mit einem Pferd verbunden.21 Ein weiterer Typ des Mark Aurel mit einem Kerykeion auf der Rückseite tauchte kürzlich im Handel auf.22

  1. Früh-rhodisch, leichte Form des euböisch-attischen Münzfußes (Strack). ↑

  2. Persischer Siglos zu 5,48 g., der Stater von Ainos ist also ein Trisiglos bzw. eine Tetradrachme. Die Stückelungen sind entsprechend Drachme, Tetrobol und Diobol bzw. Siglos, Halbsiglos und Viertelsiglos. Kürzlich wurde eine leichtere Münze der ersten Phase bekannt CN_Type33101, welche im Handel als Obol bezeichnet wird, vom Gewicht aber eher einem Hemiobol entspricht. ↑

  3. May 1950, 265–269. ↑

  4. CN_Type3778. ↑

  5. Hoover 2017, 42–44 unterscheidet vier Nominalstufen bei den Bronzen, die sich im Gewicht aber teils stark überlappen. ↑

  6. CN_Type5562; CN_Type5566. ↑

  7. CN_Type8995. ↑

Besonderheiten der Prägung

Im Mittelpunkt der Motivik der Münzen von Ainos steht Hermes, dessen Kopf in den meisten Fällen der Silber- und Bronzeprägung auf der Vorderseite erscheint.23 Weiterhin werden sein Attributttier, der Ziegenbock, das Kerykeion und ein Thron mit einer Herme auf den Münzrückseiten abgebildet. Diese Motive verweisen auf den Kult des Hermes Perpheraios in Ainos.24 Wie Kallimachos berichtet, fertigte Epeios neben dem Trojanischen Pferd auch einen hölzernen Hermes an, der in den Fluß Skamander in der Troas gesetzt und bei Ainos angespült und von Fischern gefunden wurde. Daraufhin wurde ein Heiligtum errichtet und der Orakelspruch des Apollon befahl, Hermes als einen ihrer Götter zu verehren.25 Diese Holzikone ist wohl auf den Münzen gelegentlich abgebildet.26

Funde von in Ainos geprägten Münzen sind aus Abdera, Zone, Maroneia, Seuthopolis, Amphipolis und Makedonien, von in Ainos geprägten Tetradrachmen des Lysimachos aus Plovdiv, Böotien, Kilikien, Zypern, vom Schwarzen Meer aus Mesopotamien und aus Syrien bekannt.27

Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.

  1. Hermes ist nicht nur der Stadtgott von Ainos, sondern wird laut Hdt. V, 7 auch von den thrakischen Herrschern, die z.B. auf ihn schwören und ihre Abstammung von ihm herleiten, verehrt. ↑

  2. Der Beiname Perpheraios wird aus dem Kallimachos-Papyrus abgeleitet, ist aber als unsicher zu betrachten. ↑

  3. Kallimachos, Iambus VII fr. 179. ↑

  4. Z.B. CN_Type3778. ↑

  5. Schönert-Geiss 1999, 481–522. IGCH 869.0163.1292.1423.1537.1769. ↑

Bibliographie

  • Diehl 1943 = E. DiehI, Zum Hermes Perpheraios von Ainos, Rheinisches Museum für Philologie Neue Folge_ 92. Bd., 2. H., S. 177–179.
  • Fritze 1909 = H. von Fritze, Die autonomen Münzen von Ainos, Nomisma 4, 1909.
  • Gaebler 1935 = H. Gaebler, Die antiken Münzen Nord-Griechenlands 3,2: Die antiken Münzen von Makedonia und Paionia (Berlin 1935), S. 92–93.
  • Hoover 2017 = O. D. Hoover, Handbook of Coins of Macedon and Its Neighbors. Part II: Thrace, Skythia, and Taurike, Sixth to First Centuries BC, The Handbook of Greek Coinage Series 3 (Lancaster/London 2017), S. 35–48.
  • Isaac 1986 = B. Isaac, The Greek Settlements in Thrace until the Macedonian Conquest (Leiden 1986), S.140–157.
  • May 1950 = J. M. F. May, Ainos, its history and coinage, 474-341 B.C., London 1950.
  • Schönert-Geiss 1999 = E. Schönert-Geiss, Bibliographie zur antiken Numismatik Thrakiens und Mösiens (Berlin), S. 481–522.
  • Strack 1912 = M.L. Strack, Die antiken Münzen Nord-Griechenlands 2.1: Thrakien. Die Münze der Thraker und der Städte Abdera, Ainos, Anchialos.

Karte der Münzstätten mit Typologie


Legende
Münzstätte
Fund
Fundort