Münzstätten
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- Name: Lemnos
- Moderner Name: -
- Nomisma-ID: lemnos
- Nomisma-Region: islands_off_thrace
Inhalt
- Topographie und Geschichte
- Forschungsstand
- Prägesystem und Typologie
- Bibliographie
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Verknüpfte Datensätze
Topographie und Geschichte
Lemnos ist die größte Insel im Ägäischen Meer. Dank seiner hervorragenden geographischen Lage gegenüber der Einfahrt zum Hellespont hatte Lemnos Reichtum und Ruhm erlangt. In klassischer Zeit sind zwei Demoi auf der Insel bekannt, nämlich der von Myrina und der von Hephaistia, weshalb Lemnos oft auch Dipolis genannt wurde. Die Insel wurde von Zeit zu Zeit von verschiedenen Mächten besetzt. Im Jahre 512/511 v. Chr. fiel die Insel trotz des Widerstands ihrer Einwohner an die Perser. Nach den Perserkriegen wurde Lemnos Mitglied des Delisch-Attischen Seebundes. Etwa um die Mitte des 5. Jhs. v. Chr. wurde die Insel von athenischen Kleruchen besiedelt und galt fortan als athenisches Territorium. Die Plünderung von Lemnos durch Philipp II. (354–352 v. Chr.) beendete die athenische Herrschaft. Bis Septimius Severus (193–211 n. Chr.) die Unabhängigkeit gewährte, war Lemnos durch die Hände von Alexanders Nachfolgern, den Römern und nochmals den Athenern gegangen.
Forschungsstand
Die Forschungslage zur Münzprägung der Insel ist ziemlich spärlich. Es gibt bis heute keine umfangreiche Studie zu der Münzprägung und Typologie von Lemnos. In sämtlichen Katalogen und SNG-Bänden werden lediglich einige Münzen aufgeführt. Erst 2004 hat Vassiliki Penna die Münzprägung der Insel im Überblick darstellen können. Einige Jahre später hat Hoover die Münzprägung von Myrina und Hephaistia im Hellenismus zusammengefasst. Die intensive Ausgrabungstätigkeit auf Lemnos in den letzten Jahren hat jedoch dazu beigetragen, dass wichtige Informationen über die Geschichte der Insel, die Datierung und die Dauer einiger Münztypen gewonnen werden konnten.1
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Souchleris 2010. ↑
Prägesystem und Typologie
Im Gegensatz zu den anderen ägäischen Inseln emittierte Lemnos in der archaischen Zeit keine Münzen. Die Insel prägte in ihrem Namen nur einige wenige Bronzemünzen. Der früheste bekannte Münztyp stammt aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr.2 Er trägt auf der Vorderseite die Darstellung eines bärtigen Kopfes, der von einigen Forschern mit dem ersten mythischen König von Lemnos, Thoantas, identifiziert wird.3 Die Rückseite zeigt einen Widder mit der Inschrift ΛΗΜΝΙ in einem Quadratum Incusum.4 Diese seltene Münzemisson lässt sich nur schwer in die historischen Ereignisse auf Lemnos einordnen. Die Erwähnung des Namens ΛΗΜΝΙ als Ausgabestelle wird durch epigraphische Belege aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts bestätigt und unterscheidet sie von der Münzprägung der beiden Städte auf der Insel, Myrina und Hephaistia.5 Viel später, in der frühen augusteischen Zeit, prägte Athen im Namen von Lemnos Münzen mit den Typen Athenakopf/Hephaistos-Kopf und die gemeinsamen Ethnika ΑΘΕ ΛΗΜΝΙ.6 Auch der Artemis/Hirsch-Typ gehört in das 1. Jh. v. Chr.7
Die Münzprägung von Myrina
Myrina lag an der Westküste von Lemnos und galt als Hauptstadt der Insel. Die Stadt besaß ab dem frühen 4. Jh. v. Chr. ihr eigenes Münzrecht und prägte einige Münzen in Bronze. Zu den charakteristischen Münztypen gehören der Kopf der Athena auf der Vorderseite und die Eule auf der Rückseite. Das Motiv ist ein klarer Beweis für den Einfluss der Athener, unter dem die gesamte Insel stand.8 In Myrina lässt sich der sog. Athena/Eule Münztyp in drei Gruppen einteilen, die aus zwei Nominalen bestanden.9 Die erste Gruppe stellt den Kopf der Athena im Profil dar, während die Rückseite eine frontale Eule zeigt, die von verschiedenen Beizeichen (Bogen, Olivenzweig, Fackel?) begleitet wird.10 Die zweite Gruppe zeigt den Athenakopf in Dreiviertelansicht auf der Vorderseite und auf der Rückseite ist die nach rechts stehende Eule mit ihrem Kopf von vorne zu sehen.11 Die dritte Gruppe umfasst Münzen, die auf der Vorderseite den Kopf der Athena mit Helm nach rechts zeigen und auf der Rückseite eine große Eule nach rechts abbilden.12 Alle Münzen der Inselstadt tragen die Abkürzung des Stadtnamens MYP oder MYPI auf der Rückseite.
Ein seltenes lemnisches Münzbild stammt aus Myrina. Die Vorderseite zeigt die Darstellung der Artemis, der Schutzpatronin der Stadt, während die Rückseite einen Köcher und einen Bogen zeigt.13 Die Bestimmung der Datierung dieses Typs ist problematisch. Eine Variante des Typs erscheint in einer kleruchischen Münzemission Athens, in der die letzte Erwähnung der Münzstätte vermerkt ist.14 Auf der Vorderseite ist der Athenakopf mit Helm nach rechts abgebildet. Auf der Rückseite tragen die Münzen die Legende ΑΘΕ und verwenden Motive, die für die Ausgabestadt Myrina emblematisch waren: Köcher und Bogen der Artemis. Diese Serie wurde im Jahre 166 v. Chr. im Namen der Athener geprägt, wahrscheinlich nach der Wiederherstellung der athenischen Kleruchie auf der Insel. Ein weiterer interessanter Münztyp von Myrina, der sonst aber unpubliziert bleibt, zeigt den Apollonkopf mit Lorbeerkranz nach rechts auf der Vorderseite und die nach rechts stehende Artemis mit der Inschrift MYPI auf der Rückseite.15 Es scheint, dass die Münzstätte von Myrina zwischen 166 v. Chr. bis in das 3. Jh. n. Chr. inaktiv blieb.
Die Münzprägung von Hephaistia
Die Münzprägung von Hephaistia zeichnet sich durch eine große Typenvielfalt aus und scheint langfristiger als die von Myrina zu sein. Die Münzprägung besteht aus drei Bronzenominalen.16 Zu der frühen Bronzeprägung der Stadt gehören zwei Typen, die wahrscheinlich aus dem späten 4. Jh. v. Chr. stammen. Der erste Typ zeigt auf der Vorderseite den Kopf der Athena, während auf der Rückseite eine Eule abgebildet ist, die von verschiedenen Symbolen (Olivenzweig, brennende Fackel, Zange) begleitet wird.17 Ein ähnlicher Typ findet sich, wie bereits vorgestellt, auf Münzen von Myrina. Diese Ähnlichkeit zeigt, dass die beiden Münzemissionen zeitgenössisch waren. Nur die Abkürzung des Stadtnamens ΗΦΑΙ(ΣΤΙ) für Hephaistia und die verschiedenen Beizeichen neben der Eule dienten zur Unterscheidung der beiden Münzstätten. Neben dem "athenischen" Münztyp gibt es eine zweite Gruppe in Hephaistia, die der lokalen Tradition treu bleibt und die Eule durch einen Widder ersetzt, begleitet von denselben Beizeichen.18 Die Darstellung eines Widders wird nicht nur mit dem lokalen Kult des Hermes als Beschützer der Hirten in Verbindung gebracht, sondern weist auch darauf hin, dass die Bewohner mit der Viehzucht beschäftigt waren.19 Von besonderem Interesse bei diesem Münztyp ist das Auftauchen des Monogramms Δ im Abschnitt auf der Rückseite.20 Das Δ wurde bisher noch nicht in anderen Emissionen von Hephaistia gefunden und weist vermutlich auf den Wert der Münzen hin (4 chalkoi).21
280 v. Chr., das Datum der Besetzung der Insel durch Seleukos, ist ein Fixpunkt für die sichere zeitliche Einordnung mehrerer Μünztypen von Hephaistia. Als Zeichen der Dankbarkeit für die Befreiung vom Regime des Lysimachos bauten die Einwohner von Lemnos Tempel und richteten einen Kult zu Ehren des Seleukos und seines Nachfolgers Antiochos ein. Offensichtlich mit diesen Ereignissen verbunden sind die Münzen mit der Darstellung eines männlichen Königsporträts, wahrscheinlich von Seleukos, Antiochos I. oder Antiochos III., auf der Vorderseite und einem Widder oder einer Fackel zwischen zwei Dioskurenhüten auf der Rückseite.22 Die hellenistischen Münzen von Hephaistia zeigen vor allem religiös-kultische Motive, die von den Kulten der lokalen Götter wie Hephaistos und den Kabeiroi beeinflusst sind. Die zeitliche Einordnung der Münztypen ist mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Sie werden gewöhnlich in den Zeitraum von 280–190 v. Chr. datiert. Weitere ikonografische Themen sind der Kopf des Dionysos und die Symbole seiner Verehrung, die Weintraube23 oder das Füllhorn,24 der Strahlenkopf des Sonnengottes Helios,25 die sechszackigen Sterne und die Dioskurenhüte, Symbole der Dioskuren. Die Darstellung des Kopfes von Dionysos oder Herakles auf der Vorderseite ist auch mit zwei brennenden Fackeln auf der Rückseite kombiniert.26 Auf den Kult des Dionysos und die große Produktion von limnischem Wein auf der Insel mag auch die Darstellung einer Weintraube verweisen. Die brennenden Fackeln sind wahrscheinlich eine Anspielung auf Kulthandlungen zu Ehren von Hephaistos. Auch die auf der Insel angesiedelten athenischen Kleruchen gaben eigene, mit AΘΕ signierte Münzen aus.27
Die Münzprägung von Lemnos in den Jahren der römischen Zeit weist einige Besonderheiten auf. Es ist bekannt, dass im Jahr 166 v. Chr. nach der Niederlage des makedonischen Königs Perseus durch die Römer, Lemnos, das unter römischer Kontrolle stand, an die Athener zurückgegeben wurde. In der Zeit von 166 bis zum 3. Jahrhundert n. Chr., als die Münzstätte von Myrina inaktiv war, blieb Hephaistia im Rampenlicht und wurde durch interessante Münzprägungen mit dem Gott Hephaistos vertreten.28
Die Stadt prägte wenige pseudoautonome Münzen, wie den Typ mit der Darstellung einer Tyche mit Mauerkrone und die Legende ΛΗΜΝΟϹ auf der Vorderseite und der brennenden Fackel mit der Inschrift ΗΦΑΙϹΤΙЄΩΝ auf der Rückseite.29 Der Typ ist ein weiterer Beleg für die alleinige Herrschaft der Stadt Hephaistia dieser Zeit. Die genaue Chronologie dieser pseudoautonomen Emissionen ist jedoch schwer zu ermitteln. Es ist wahrscheinlich, dass die Tätigkeit der Münzstätte mit der endgültigen Beseitigung der athenischen Herrschaft auf der Insel zusammenhängt, die durch die Unabhängigkeit der Insel durch den römischen Kaiser Septimius Severus erreicht wurde.
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Zur Datierung siehe Souchleris 2010, 66 (2. Hälfte des 4.Jhs. v. Chr.) und Penna 1994, 38–40 (Ende des 5. oder Anfang des 4. Jh. v. Chr.). ↑
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Penna 1994, 39. ↑
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Penna 1994, Fußnote 7, 8. ↑
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CN_Type19972. Kroll 1993, 111, Nr. 159A. ↑
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CN_Type20006. Kroll 1993, 110, Nr. 159. ↑
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Der Athena/Eule Typ soll nach der Wiederherstellung der athenischen Kleruchie auf Lemnos im Jahr 386 v. Chr. geprägt worden sein. ↑
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Hoover 2010, 67–68, Nominal C und D. ↑
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CN_Type19860; CN_Type19866; CN_Type19867; CN_Type12890. Der lokale Artemis-Kult in Myrina wird durch das Symbol des Bogens auf diesem größeren Nominal beworben. ↑
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Hoover 2010, 59. ↑
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CN_Type19891; CN_Type19892; CN_Type19893; CN_Type19895; CN_Type19900; CN_Type19988; CN_Type19895; CN_Type19890; CN_Type19889; CN_Type19987; CN_Type19902; CN_Type20007. ↑
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CN_Type19881; CN_Type19882; CN_Type19883; CN_Type19884; CN_Type19894; CN_Type12888; CN_Type20029. ↑
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Penna 1994, 42. ↑
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Souchleris 2006, 72. ↑
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CN_Type198797; CN_Type19898; CN_Type19899; CN_Type19909; CN_Type19910; CN_Type19914. ↑
Bibliographie
- Bloesch 1987 = H. Bloesch, Griechische Münzen in Winterthur (Winterthur 1987).
- Borrell 1841 = H.P. Borrell, Unedited Autonomous and Imperial Greek Coins in: NC 1841, 1–11.
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- SNG Dänemark = Sylloge Nummorum Graecorum: The Royal Collection of Coins and Medals, Danish National Museum. Thrace 2: Odessus - Sestos. Islands. Kings and Dynasts (Kopenhagen 1943).
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- SNG Greece 7 = Sylloge Nummorum Graecorum: The Kikpe Collection of Bronze Coins. Volume 1, edited by Vassiliki Penna and Yannis Stoyas, Academy of Athens (Athens 2012).
- SNG Great Britain = Sylloge Nummorum Graecorum: Vol. IV, Fitzwilliam Museum: Leake and General Collections, Part II: Sicily-Thrace (Oxford 1947, reprint. London 1972).
- Souchleris 2010 = L. Souchleris, Numismatic Testimonies for the City of Hephaistia, Lemnos. New Coin Finds from the Theatre Excavations, in: Ovolos 9 Vol. I., Coins in the Aegean Islands: Proceedings of the Fifth Scientific Meeting, Mytilene, 16–19 September 2006 (Athens 2010), 59–82.