Münzstätten
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- Name: Sestos
- Moderner Name: -
- Nomisma-ID: sestus
- Nomisma-Region: thracian_chersonesus
Inhalt
- Topographie und Geschichte
- Forschungsstand
- Prägesystem und Typologie
- Bibliographie
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Verknüpfte Datensätze
Topographie und Geschichte
Sestos befand sich auf der thrakischen Chersones an der Seite zu den Dardanellen hin. Gegenüber auf dem kleinasiatischen Festland lag die Stadt Abydos, die mit Sestos einige Gemeinsamkeiten in der Münzprägung teilt. Sestos war eine äolische Gründung von Lesbos aus dem frühen 6. Jh. v. Chr.1 Eine der wichtigsten Routen zwischen Europa und Asien lief durch Sestos, worauf sich der Reichtum der Stadt mit ihrem wichtigen Hafen, einem Haupthandelsplatz für Getreide zwischen dem Schwarzen Meer und Thrakien, begründete. Archäologisch belegt sind hohe Stadtmauern, die auf einem geschützten Weg zum Hafen führten.
Einige historische Fakten sind über Sestos bekannt: wie die ganze Chersones stand auch Sestos zunächst unter der Kontrolle des Miltiades, bevor es von den Persern eingenommen wurde. Xerxes überquerte hier den Hellespont mit Hilfe einer Schiffsbrücke auf seinem Griechenlandfeldzug, ca. 480-479 v. Chr. Sestos war Mitglied im delisch-attischen Seebund; zumindest für das Jahr 446/5 v. Chr. sind - wohl andauernd bis zum Beginn des Peloponnesischen Krieges - Tributzahlungen überliefert. Die attische Flotte nutzte während des Peloponnesischen Krieges den Hafen von Sestos als Stützpunkt. Nach der Schlacht von Aigospotamoi, 405 v. Chr., wird Sestos vom spartanischen Feldherrn Lysander besetzt. In der Folge wechselten im 4. Jahrhundert v. Chr. mehrmals die Herrschaftsverhältnisse in Sestos zwischen Spartanern, Athenern und Persern und schließlich den Odrysen unter Kotys I. Alexander d. Gr. wurde 334 v. Chr. von Sestos angezogen, da er hier an derselben Stelle wie Xerxes mit seinen Truppen symbolhaft den Hellespont überschreiten wollte. Nach Alexanders Tod gehörte die Stadt zum Gebiet des Lysimachos. Auch nach dessen Ableben setzte sich Sestos’ Geschichte der dauernden Machtwechsel fort, so stand Sestos zwischenzeitlich unter ptolemäischen, makedonischen sowie attalidischen Einfluss und ging mit dem Erbe der Attaliden an die Römer.
Mythologisch ist Sestos einer der Schauplätze der Tragödie um Hero und Leander. Hero, eine Priesterin der Aphrodite in Sestos, lebte dort in einem Turm. Leander aus Abydos verliebte sich in sie und durchschwamm jede Nacht den Hellespont. Eine Lampe, von ihr im Turm entzündet, zeigte ihm den richtigen Weg, aber als sie im Winter auf Grund eines Sturmes erlosch, ertrank er. Als sein Leichnam an der Küste aufgefunden wird, stürzt sich Hero vom Turm in den Tod.2
Forschungsstand
In einem Artikel von H. von Fritze, in welchem er die aus Sestos überlieferte Menas-Inschrift des 2. Jhs. v. Chr. numismatisch beleuchtet, werden die vorkaiserzeitlichen Münzen von Sestos zu diesem Anlass erstmals zusammengestellt. Von ihm werden zwei Zeitstufen für diese Prägung auf Grund des Stils, der Beizeichen und der verwendeten Typen unterschieden.3 In Hoovers Sammelband werden diese Bronze-Typen nach Nominalstufen aufgelistet.4 Die römischen Prägungen finden sich in den entsprechenden Bänden von RPC5 und online in deren Datenbank6 sowie bei Varbanov.7 Eine umfassende Studie der Münzprägung von Sestos ist bislang ein Desiderat.
Prägesystem und Typologie
Neben den Lysimachos-Prägungen sind aus Sestos nur Bronzen bekannt.8 Die vorkaiserzeitliche Münzprägung beginnt wohl analog zur sonstigen Bronzeprägung der Chersones in der Mitte bis zum Ende des 4. Jh. v. Chr. Die Motivik der Bronzeprägung dreht sich um Demeter/Persephone und Hermes, wobei Demeter bzw. Persephone entweder sitzend auf einer cista mystica oder als Profilkopf teils mit Ährenkranz gezeigt wird. Hermes erscheint ebenso ganzfigurig stehend oder als Profilkopf; weiterhin gibt es viele Typen mit einer Herme. Daneben tritt häufig das Motiv einer Amphora entweder als Hauptmotiv oder als Beizeichen auf. Weiterhin finden sich Darstellungen von Apollon und Leier, Dionysos und Thyrsos sowie ein unidentifizierter Kopf und Füllhorn. Diese erscheinen ausschließlich in den kleineren Nominalen. Die Haupttypen der Demeter und des Hermes scheinen auf den Handel mit Getreide, dem die Stadt ihren Reichtum verdankt, anzuspielen.
Die Einteilung dieser vorkaiserzeitlichen Bronzetypen auf die auf der thrakischen Chersones üblichen drei Bronzenominale ist in den Übergängen von einem zum anderen Nominal hier besonders schwierig. Interessant ist die wechselweise Schreibung der Legende mit H oder A, also etwa ΣA oder ΣH, in der früheren Phase der Bronzeprägung.
Oft findet eine Unterscheidung der gleichgewichtigen Typen im Sinne einer Emission über Monogramme und Beizeichen statt. Einige dieser sind uns bislang nur aus der Literatur bekannt ohne Beispiele dafür verzeichnen zu können.9 Auch weitere aus der Literatur bekannte Typen lassen sich auf Basis des uns zur Verfügung stehenden Materials nicht verifizieren.10
Aus der römischen Kaiserzeit sind bislang unter den folgenden Herrschern Münzen für Sestos belegt11: Augustus, Caligula, Claudius, Nero, Vespasian, Domitian, Trajan, Hadrian,12 Septimius Severus, Iulia Domna, Caracalla, Severus Alexander, Gordian III,13 Philippus Arabs und Gallien. Das gleichbleibende Rückseitenmotiv von Augustus bis Hadrian ist die Leier, nur von Augustus ist auch eine Rückseite mit Füllhorn überliefert.14 Danach finden sich einfigurige Motive von Genius, Homonoia und Apollon auf den Rückseiten, die sich in ihrer Haltung mit ausgestrecktem rechten Arm sehr ähneln; seit Gordian III. erscheint auch Sarapis in diesem Schema. Das bekannte, die Sage illustrierende Motiv von Hero und Leander erscheint auf Münzrückseiten ab Septimius Severus regelmäßig.15 Dieses mit der Münzprägung von Abydos gemeinsam verwendete Motiv bleibt somit das einzige für Sestos spezifische und mit einem lokalen Bezug eindeutig verknüpfte Motiv der gesamten Serie der Stadt.
Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von Januar 2021 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.
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Die Zuweisungen einiger Lysimachos-Prägungen zur Münzstätte Sestos sind eventuell fragwürdig. ↑
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z.B. CN_Type12798; CN_Type12799. ↑
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So etwa Hoover 2017, 174 Nr. 1659. Kein Beleg für Amphora auf der Vorderseite, vgl. hier Nr. 1651 mit höherem Gewicht. ↑
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Bei Varbanov 2007, Nr. 2983 auch Münze des Antoninus Pius. ↑
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Varbanov 2007, Nr. 2979 mit Rückseite Kerykeion und Nr. 2982 mit Rs.-Legende CACTIΩN, bislang keine Belegexemplare bekannt. ↑
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Varbanov 2007, Nrn. 2988 und 2991 nicht verifizierbar bzw. eventuell identisch mit den beiden Typen in CN. ↑
Bibliographie
- Fox 2015 = M. Fox, Two Numismatic Puzzles from 1st Century Sestus, in: B. Ciupercă, Archaeology of the First Millenium A.D. IV, Nomads and the autochthonous in the first millenium A.D., Istros (2015) 33–47.
- Fritze 1907 = H. von Fritze, Sestos. Die Menas-Inschrift und das Münzwesen der Stadt, Nomisma 1, 1907, 1-13.
- Hoover 2017 = O. D. Hoover, Handbook of Coins of Macedon and Its Neighbors. Part II: Thrace, Skythia, and Taurike, Sixth to First Centuries BC, The Handbook of Greek Coinage Series 3 (Lancaster/London 2017) 169–174.
- Isaac 1986 = B. Isaac, The Greek Settlements in Thrace until the Macedonian Conquest (Leiden 1986) 195–196.
- Schlüter 1985 = G. Schlüter, Hero und Leander auf den antiken Münzen von Abydos und Sestos, in: 25 Jahre Berliner Münzenfreunde 1960-1985, 1985, 51–69.
- Thompson 1986 = M. Thompson, The mints of Lysimachus, in: C. M. Kraay - G. K. Jenkins (Hrsg.), Essays in Greek Coinage presented to S. Robinson (1968) 163–182.
- Varbanov 2007 = I. Varbanov, Greek Imperial Coins And Their Values III. Thrace (from Perinthus to Trajanopolis), Chersonesos Thraciae, Insula Thraciae, Macedonia (Bourgas, 2007) pp. 319–323.