Stämme
- Name: Bisaltae
- Nomisma-ID: bisaltae
- Name: Dentheletae
- Nomisma-ID: dentheletae
- Name: Derrones
- Nomisma-ID: derrones
- Name: Edoni
- Nomisma-ID: edoni
- Name: Ichnae
- Nomisma-ID: ichnae
- Name: Odrysae
- Nomisma-ID: odrysae
- Name: Orrescii
- Nomisma-ID: orrescii
- Name: Tynteni
- Nomisma-ID: tynteni
Inhalt
- Topographie und Geschichte
- Forschungsstand
- Prägesystem und Typologie
- Bibliographie
- Auf der Karte anzeigen
Verknüpfte Datensätze
Topographie und Geschichte
Die thrako-makedonischen Stämme des 5. Jahrhunderts v. Chr. sind allesamt nur durch sporadische literarische Erwähnung sowie ihre Münzprägung bekannt. Wohl am besten greifbar ist der am Unteren Strymon zu verortende Stamm der Bisalten, der in verschiedenen Mythen Erwähnung findet1 und dessen Territorium später vom Makedonenkönig Alexander I. annektiert wurde.2 Dagegen sind die Oreskier3 sowie die Derronen4 nicht in der literarischen Überlieferung, sondern nur durch ihre Münzen bezeugt; die genaue Lokalisierung dieser Stämme ist umstritten und auch eine potentielle Gleichsetzung der Derronen mit den bei Thukydides bezeugten Agrianes bleibt höchst spekulativ.5 Relativ spärlich sind auch die Informationen über die Edonen und ihren ausschließlich numismatisch bezeugten König Getas;6 nach der Kimmerier-Invasion scheint ein Teil dieses Stammes nach Asia Minor emigriert zu sein, während der andere Teil in Thrakien blieb.7 Ebenso sind auch die Ichnai8 und die Tynteni9 nur durch ihre Münzen bekannt; die Verbindung der Ichnai zur homonymen, in der Nähe von Pella gelegenen Stadt bleibt enigmatisch.10 Die am Oberen Strymon siedelnden Laiaioi finden im Geschichtswerk des Thukydides Erwähnung und sind zudem durch einige wenige Münzen bekannt.11 Allem Anschein nach wurde dieser Stamm vom Odrysenherrscher Sitalkes unterworfen.12 Die Lete oder Siris siedelten vermutlich in der Nähe der gleichnamigen, bei den antiken Autoren bezeugten Städte.13 Der Stamm der Dentheleten ist bei Theopomp und womöglich unter anderem Namen bei Hekataios bezeugt; ihr Siedlungsgebiet lässt sich aber nur grob am Oberen Strymon lokalisieren.
Forschungsstand
Zu den Stammesprägungen liegen mehrere einschlägige Untersuchungen vor, die aber in keinem Fall als komplexe Typenkataloge aufzufassen sind und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Grundlegend hat sich P. Delev mit der Geschichte und Münzprägung der Stämme auseinandergesetzt, ohne aber die einzelnen Typen deutlich voneinander abzugrenzen. Herangezogen wurden ferner die Kataloge von A. Peykov, J. Jurukova und S. Topalov sowie verschiedene Einzelstudien von A. Tzamalis. Grundsätzlich stellt sich bei den Stammesprägungen in besonderer Weise die Frage nach der Authentizität der jeweiligen Münzen, sind doch sehr viele Fälschungen im Umlauf. Hiermit hat sich erstmals H. Gaebler intensiv auseinandergesetzt; seine Erkenntnisse fließen maßgeblich in unseren Typenkatalog mit ein.
Prägesystem und Typologie
Bei den Stammesprägungen ist die Frage nach Münzfüßen und Nominalen besonders brisant. In dieser Hinsicht orientiert sich unser Typenkatalog weitgehend an den Untersuchungen von S. Psoma. In Anlehnung an S. Psoma wird zumindest für die durch eine einigermaßen repräsentative Anzahl an Einzelmünzen belegten Stammesprägungen der Bisalten, Ichnai, Derronen und Oreskier ein reduzierter äginetischer Münzfuß postuliert, dessen Nominalstufen am zutreffendsten nach dem Stater-System zu bezeichnen sind,14 mögen auch in der Literatur fälschlicherweise die Nominalbenennungen als Multiplen der Drachme geläufiger sein.
Die Münztypen der Bisalten
Die Bisalten prägten in zwei Nominalen, die wir als Tristatere und Hemistatere bezeichnen. Auf den Münzvorderseiten ist ein womöglich als Hermes zu deutender Reiter mit Petasos dargestellt, der einen teils nach vorne, teils nach oben gerichteten Doppelspeer hält und ein Pferd nach rechts führt. Auf dem großen Nominal wird teilweise in der Vorderseitenlegende das Ethnikon genannt,15 auf dem kleinen Nominal wird dieses bei keinem einzigen Typ angegeben. Bei einigen Typen ist auf der Münzvorderseite ein Helm,16 eine kleine Kugel,17 ein Schild18 oder ein Kranich19 als Beizeichen hinzugefügt; bei wiederum anderen Typen ist ein Monogramm neben dem Reiter oder auf dem Pferderücken zu erkennen.20 Auf dem Revers aller Münztypen der Bisalten ist ein regelmäßiges, vierfach geteiltes quadratum incusum abgebildet. Die Zugehörigkeit der sogenannten Mosses-Münzen, auf deren Revers ein quadratum incusum mit der Umschrift ΜΟΣΣΕΩ dargestellt ist,21 zu den Bisalten gilt im wissenschaftlichen Diskurs als hoch umstritten;22 in unserer Datenbank haben wir uns gegen eine Zugehörigkeit dieser Münzen zu den Bisalten entschieden.
Die Münztypen der Ichnai
Der Stamm der Ichnai prägte in vier Nominalen. Während die Münzrückseiten allesamt ein Rad mit entweder vier oder sechs Speichen im quadratum incusum zeigen, finden unterschiedliche Vorderseitenmotive Verwendung. Auf den Aversen des in Anlehnung an das Stater-System wohl als Tristater zu bezeichnenden großen Nominals wird ein Hirte mit Petasos und zwei Ochsen wiedergegeben; bei einigen Münzen erscheint das Ethnikon als Avers-Legende, bei anderen fehlt dieses.23 Auf den Vorderseiten der Statere ist ein womöglich als Krieger zu interpretierender Reiter neben seinem Pferd dargestellt.24 Auf den Hemistateren und Hekten wird ein kniender Stier abgebildet,25 wobei optional noch unterschiedliche Beizeichen in Form einer Lotosblüte,26eines Delphins27 oder einer respektive mehrerer kleiner Kugeln28 hinzutreten können.
Die Münztypen der Oreskier
Die Münztypen der Oreskier umfassen sechs Nominalstufen, von denen zwei allerdings durch nur sehr wenige Exemplare belegt sind. Auf den Vorderseiten der Tristatere und des einzigen erhaltenen Distaters ist das schon von den Ichnai bekannte Bildmotiv eines Hirten mit zwei Ochsen dargestellt.29 Bei den meisten Typen wird das Ethnikon in der Vorderseitenlegende angegeben, wobei verschiedene orthographische Variationen auftreten. Die Averse der meisten Statere und Hemistatere zeigen das ikonographisch stark an die thasischen Imitationen erinnernde Bildmotiv eines Kentaurs, der eine Nymphe raubt.30 Auf anderen Stateren ist ein Reiter mit Petasos neben seinem Pferd abgebildet.31 Auf einigen wenigen Hemistateren und auf den Hekten begegnet das bereits von den Ichnai bekannte Bildmotiv des knienden Stieres. Auf den Vorderseiten der dem kleinsten Nominal zugehörigen Münztypen ist eine Stierprotome zu erkennen.32 Auf den Rückseiten der von den Oreskiern emittierten Münzen ist jeweils ein quadratum incusum abgebildet, das mal durch zwei senkrechte Linien vierfach geteilt wird, mal in der Gestalt von Windmühlenflügeln auftritt; bei einem einzigen Münztyp wird das quadratum incusum durch zwei diagonale Linien unterteilt.33
Die Münztypen der Derronen
Die Derronen prägten von allen thrakischen Stämmen die größten Nominale. Ihre Tetrastatere zeigen einen Wagenlenker in einer Ochsenbiga auf dem Avers und ein Triskeles aus Rinderbeinen auf dem Revers. Durch die verschiedenen Beizeichen, die auf Vorder- und Rückseite an unterschiedlichen Positionen auftreten können, ist diese Prägung durchaus komplex. Außerdem sind bei einigen Typen florale Elemente zwischen den Beinen des Triskeles zu erkennen.34 Abgesehen von den Tetrastateren ist die übrige Nominalstruktur der Derronen relativ schwer zu greifen. So zeigt ein nur unbedeutend leichterer Münztyp zwei vor eine Biga gespannte Ochsen auf dem Avers und ein vierfach geteiltes quadratum incusum auf dem Revers;35 auf einer einzigen vielleicht als Distater zu bezeichnenden Münze ist ein nach links kniender Stier und ebenfalls ein viergeteiltes quadratum incusum dargestellt.36 Auf den als Tetarten bezeichneten Münzen der kleinsten Nominalstufe ist wiederum der schon von den Ichnai und Oreskiern bekannte kniende Stier auf der Vorderseite und entweder ein Triskeles oder ein korinthischer Helm im quadratum incusum auf der Rückseite dargestellt.37 Ein anderer ebenfalls dem kleinsten Nominal zuzurechnender Münztyp zeigt eine Stierprotome auf dem Avers und ein viergeteiltes quadratum incusum auf dem Revers.38 Gerade bei den Münzen der Derronen treten zahlreiche Fälschungen auf, die in unserem Typenkatalog als solche vermerkt sind.
Die Münztypen der Lete/Siris
Auf den Vorderseite der dem Stamm der Lete/Siris zuzuweisenden Statere (und dem einzigen bekannten Hemistater) ist entweder das bereits erwähnte Bildmotiv des Kentaurs, der eine Nymphe raubt, abgebildet, oder aber ein ityphallisch dargestellter Silen, der eine Nymphe am Handgelenk festhält, wiedergegeben. Auf den Münzrückseiten variieren verschiedene Abwandlungen eines viergeteilten quadratum incusum, das mal von senkrechten,39 mal von diagonalen Linien40 geteilt wird; andere Münzrückseiten zeigen einen korinthischen Helm im quadratum incusum.41 Auf den Münzvorderseiten der kleinen Nominale ist ein sitzender oder springender Silen zu erkennen, während auf ihren Rückseiten ein quadratum incusum abgebildet ist.
Die Münztypen der Edonen
Auf den wenigen Münzen der Edonen ist jeweils das von den Oreskiern bereits bekannte Bildmotiv eines Hirten mit Petasos neben zwei Ochsen auf dem Avers dargestellt, während der Revers entweder ein viergeteiltes quadratum incusum mit einer umlaufenden Inschrift oder ein Rad im quadratum incusum zeigt. Dabei wird auf allen bekannten Münzen der Edonen ihr Stammeskönig Getas in der Avers- oder Reverslegende genannt.42
Die Münztypen der Laiaioi
Das bereits zweimal erwähnte Bildmotiv des Kentaurs mit der geraubten Nymphe findet auch auf den Münzen der Laiaioi Verwendung.43 Auf anderen Münzen dieses Stammes wird das bei den Derronen beliebte Bildmotiv des Wagenlenkers in einer Ochsenbiga auf dem Avers wiedergegeben; auf dem Revers ist ein Pegasos im quadratum incusum zu erkennen.44
Die Münztypen der Tynteni
Die Tynteni bedienen sich desselben ikonographischen Repertoires wie die Ichnai: Auf den Münzvorderseiten ist entweder ein Hirte mit Petasos neben zwei Ochsen oder ein Reiter neben seinem Pferd dargestellt,45 während auf den Reversen analog zu den Ichnai ein Rad mit vier oder sechs Speichen abgebildet wird.46 Die Stammesprägungen der Tynteni lassen sich aber durch die Angabe des Ethnikons in den Avers-Legenden eindeutig zuordnen.
Die Münztypen der Dentheleten
Aus dem Rahmen fallen die Münzen der Dentheleten. Es handelt sich um Bronzemünzen, auf deren Vorderseite der Kopf des Dionysos dargestellt ist und deren Rückseiten einen Krieger mit Schild und Speer in einem quadratum incusum zeigen.47 Durch die Angabe des Ethnikons auf der Münzrückseite ist die Zuordnung dieser Münzen zum Stamm der Dentheleten hinreichend gesichert. Eine etwas spätere Datierung als die übrigen Stammesprägungen in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts erscheint naheliegend.
Die Münztypenen mit unsicherer Zuordnung
Unsicher ist die Zuordnung einer Münze, auf deren Vorderseite ein Kentaur mit Kantharos dargestellt ist und deren Rückseite vier Tannenzapfen im quadratum incusum zeigt;48 es ist allerdings naheliegend, diese Münze den Stammesprägungen zuzurechnen. Ebenso ist eine weitere Stammesprägung mit Darstellung eines nach links schreitenden Stiers auf der Vorderseite und eines quadratum incusum auf der Rückseite nicht sicher zuzuordnen.49 Es handelt sich dabei wohl um eine der frühesten Stammesprägungen; eine Datierung der Münze ins späte 6. Jahrhundert v. Chr. ist wahrscheinlich.
Die Münztypen der Odrysen
Ebenfalls zu den Stammesprägungen zu rechnen sind die Bronzemünzen der Odrysen, die aber in das 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. datieren und somit einer späteren Zeit zuzurechnen sind als die übrigen Stammesprägungen. Auf den Münzvorderseiten ist ein nach rechts oder links gewandter Herakles-Kopf mit Löwenexuvie zu erkennen, während auf den Rückseiten dieser Münzen ein Stier wiedergegeben wird, der auf einer Keule steht.50 Über dem Stier erscheint das Ethnikon in unterschiedlichen Variationen. Stilistische Unterschiede von Vorder- und Rückseitenikonographie ermöglichen unterschiedliche Datierungen der Odrysen-Münzen.
Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.
-
Siehe auch Psoma 2015, 177. ↑
-
Hierzu Psoma 2015, 174-175; Peykov 2011, 76 Nr. C0090; Delev 2014, 481. ↑
-
Allgemein zu diesem Bildmotiv: Tzamalis 2012, insbesondere S.50–53. ↑
-
CN_Type4374; CN_Type4377; CN_Type4378; CN_Type4379; CN_Type4384. ↑
-
Allgemein dazu Tzamalis 2011, insbesondere S.70–71. ↑
-
CN_Type4516; CN_Type4544; CN_Type4546; CN_Type4551; CN_Type4556; CN_Type4570. ↑
-
CN_Type4509; CN_Type4511; CN_Type4966; CN_Type4967; CN_Type4968. ↑
-
CN_Type4698; CN_Type4699; CN_Type4701; CN_Type4702; CN_Type4703; CN_Type4705. ↑
-
CN_Type4734; CN_Type4735; CN_Type4736; CN_Type4737; CN_Type4739. ↑
Bibliographie
- Delev 2014 = P. Delev, A History of the Tribes of South-Western Thrace in the First Millennium B.C. (Sofia 2014).
- Peykov 2011 = A. Peykov, Catalogue of the Coins from Thrace. Part I: Tribal and Rulers’ Coinages of Thracians, Paeonians, Celts and Scythians 5th c. B.C. - 1st c. A.D (Centrex 2011).
- Psoma 2015 = S. Psoma, Did the So-Called Thraco-Macedonian Standard Exist?, in: U. Wartenberg – M. Amandry (Eds.), ΚΑΙΡΟΣ- Contributions to Numismatics in Honor of Basil Demetriadi (New York 2015) 167–190.
- Tzamalis 2011 = A. Tzamalis, Monnaies “thraco-macédoniennes“. Quelques observations sur les monnaies au centaure et à la nymphe, in: Nomisma. La circulation monétaire dans le monde grec antique. Actes du colloque international, Athènes 14-17 avril 2010 (Paris 2011) 67–77.
- Tzamalis 2012 = A. Tzamalis, The Kneeing Bull Type from the “Thraco-Macedonian” Region, in: E. Paunov (Ed.), ΗΡΑΚΛΕΟΥΣ ΣΩΤΗΡΟΣ ΘΑΣΙΩΝ. Studia in honorem Iliae Prokopov sexagenario ab amicis et discipulis dedicate (Veliko Tǎrnovo 2012) 39–58.