Die Münztypologie von

Traianopolis

Topographie und Geschichte

Traianopolis ist an der Mündung des Flusses Hebros ins Ägäische Meer gelegen.1 Entlang der Verbindungsstraße von Pherrai und Alexandroupolis befindet sich ein weites Ruinenfeld, das von A. Dumont eindeutig als Traianopolis identifiziert werden konnte.2 Die Lokalisierung von Traianopolis gilt insbesondere aufgrund eines Meilensteinfundes severischer Zeitstellung als gesichert.3 Auf dem Stadtgebiet des späteren Traianopolis ist bei Herodot eine Vorgängersiedlung namens Doriskos bezeugt,4 die als Sammelpunkt des persischen Heeres im Perserkrieg des Dareios genannt wird. Traianopolis wurde im Zuge von Traians Urbanisierungspolitik gegründet und erlangte als einzige Stadt an der thrakischen Südküste in der römischen Kaiserzeit wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung.5 Literarische Quellen zu Traianopolis in der römischen Kaiserzeit sind allerdings sehr spärlich.6 In der Spätantike und in byzantinischer Zeit firmierte Traianopolis als bedeutender Bischofssitz.7

  1. Oberhummer 1937, Sp.2082; Schönert-Geiss 1991, 141. ↑

  2. Dumont/Homolle 1892, 224f.; Schönert-Geiss 1991, 141. ↑

  3. Oberhummer 1937, Sp.2085; Schönert-Geiss 1991, 141. ↑

  4. Herodt. 7,25. ↑

  5. Schönert-Geiss 1991, 141; Varbanov 2007, 287. ↑

  6. Schönert-Geiss 1991, 142. Zu nennen sind Ptol. geogr. III 11.13 sowie vereinzelte Erwähnungen in Itinerarien. ↑

  7. Oberhummer 1937, Sp.2083; Schönert-Geiss 1991, 142. ↑

Forschungsstand

Für die Typologisierung der Münzprägung von Traianopolis gilt der in der Reihe Griechisches Münzwerk publizierte Corpusband von E. Schönert-Geiss zur Münzprägung von Augusta Traiana und Traianopolis als grundlegend.8 Daneben wurden in unserem Typenkatalog auch vereinzelte bei Schönert-Geiss nicht publizierte Münzen aus den Münzauktionen berücksichtigt. Dabei stellte die oftmals nicht ganz eindeutige Unterscheidung von Münzen aus dem thrakischen Traianopolis, aus dem phrygischen Traianopolis und aus dem kilikischen Traianopolis eine besondere Schwierigkeit dar. Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass einige Münzen aus Traianopolis in der älteren Forschung fälschlicherweise der Münzstätte Augusta Traiana zugeordnet wurden.9

  1. Die einschlägige Rezension von E. Meyer (Gnomon 66, 608-611) fällt insgesamt mit nur wenigen Abstrichen positiv aus. Die wenigen Beanstandungen von E. Meyer wurden zur Kenntnis genommen. ↑

  2. Zu dieser Problematik Schönert-Geiss 1991, 7. ↑

Prägeablauf und Metrologie

Traianopolis emittierte unter Marcus Aurelius und Lucius Verus die ersten Münzen. Die Münzprägung in Traianopolis erreichte unter Caracalla ihren Höhepunkt, ging nach dessen Regierungszeit aber markant zurück und endete schließlich unter Gordian III.

Traianopolis emittierte Münzen in fünf Nominalstufen. Die Benennung der Nominale erfolgt in Orientierung am Corpusband von E. Schönert-Geiss.10 Zu den kleinen Nominalen zählen Einer (Ø: 16-17 mm; Gewicht: 2.5-3.5 g), Eineinhalb-Stücke (Ø: 18-21.5 mm; Gewicht: 3.4-5.2 g) und Zweier (Ø: 20-23 mm; Gewicht: 4.4-8.4 g).11 Ausschließlich unter Iulia Domna wurden Dreier (Ø: 23-24.5 mm; Gewicht: 6.8-8.6 g) emittiert.12 Die beiden großen Nominale werden als Vierer (Ø: 24-26 mm; Gewicht: 9.0-11.3 g) und Fünfer (Ø: 29-30 mm; Gewicht: 15-16 g) bezeichnet.13 Gerade bei den Fünfern lässt sich zwischen Lucius Verus und Caracalla ein erheblicher Gewichtsverlust verzeichnen.14

  1. Schönert-Geiss 1991, 147-150. Zur berechtigten Kritik an der Verwendung „fiktiver Nominalstufen“, die wir aber in unserem Typenkatalog nicht berücksichtigen können, siehe Meyer 1994, 610f. ↑

  2. Schönert-Geiss 1991, 147f. ↑

  3. Schönert-Geiss 1991, 148. ↑

  4. Schönert-Geiss 1991, 148f. ↑

  5. Schönert-Geiss 1991, 149. ↑

Chronologie

Anders als I. Varbanov suggeriert,15 beginnt die Münzprägung von Traianopolis nach derzeitigem Wissensstand erst unter Marcus Aurelius und Lucius Verus. Ein einziger Einer mit Darstellung des Marcus Aurelius auf dem Avers ist bislang bekannt;16 ebenso spärlich sind die wenigen Fünfer des Lucius Verus, in deren Reverslegenden jeweils der Name des Statthalters Quintus Tullius Maximus17 genannt wird.18 Erstaunlich umfangreich ist hingegen die Prägung für Faustina minor. Dabei ist es bezeichnend, dass auf dem Revers ihrer Münzen fast ausschließlich weibliche Gottheiten abgebildet sind.19 Auch die Darstellung der Kaiserin beim Opfer ist überaus selten und in der Münzprägung von Traianopolis singulär.20

Zur Regierungszeit von Septimius Severus und Iulia Domna emittierte Traianopolis erstmalig Münzen in unterschiedlichen Nominalen, der Umfang des Ausstoßes der einzelnen Nominale ist allerdings sehr überschaubar.21 Auf den Reversen ihrer Münzen überwiegen klassische Götterdarstellungen, wobei auf den Münzen des Septimius Severus sowohl männliche als auch weibliche, auf den Münzen der Iulia Domna ausschließlich weibliche Gottheiten dargestellt werden.22 Die Angabe des Namens des amtierenden Statthalters Titus Statilius Barbarus23 auf den unter Septimius Severus geprägten Fünfern sowie den Dreiern der Iulia Domna bietet eine wichtige Datierungshilfe.24

Mit Abstand am umfangreichsten war die Münzprägung von Traianopolis zur Regierungszeit Caracallas. Bereits unter Septimius Severus emittierte Traianopolis Eineinhalb-Stücke für Caracalla als Caesar.25 Aus derselben Zeit stammt auch ein für Geta (als Caesar) geprägter Einer.26 Die nach dem Jahr 198 n. Chr. geprägten Münzen weisen eine große Typenvielfalt mit verschiedenen Revers-Motiven auf, die aber großteils aus dem auch sonst üblichen Repertoire an Bildmotiven stammen. Dabei ist die Vielzahl an Kaiserdarstellungen auf den für Caracalla geprägten Fünfern signifikant.27 Die Zweier zeichnen sich dadurch aus, dass die beiden verwendeten Vorderseitenstempel jeweils verschiedene Caracalla-Porträts mit einer Strahlenkrone zeigen, wohingegen auf allen anderen Nominalen Caracalla immer mit Lorbeerkranz dargestellt ist. Bei den Einern werden zwei verschiedene Avers-Legenden als Typenvariation eingesetzt: So werden häufig dieselben Bildmotive auf dem Revers teils mit der Avers-Legende ΑΝΤΩΝΕΙΝΟϹ ΠΙΟC ΑVΓΟ(V) teils mit der Avers-Legende ΑVΤ Κ Μ ΑVΡ Ϲ(Ε) ΑΝΤΩΝΕΙΝΟϹ kombiniert. In einigen Fällen ist aber auch unabhängig von der Avers-Legende allein die Porträtgestalt auf dem Avers typentscheidend.28

Nach der Regierungszeit Caracallas prägte Traianopolis nach momentanem Stand unseres Wissens nur noch einen Zweier für Diadumenian mit einer klassischen Artemis-Darstellung auf dem Revers29 sowie einen Vierer für Gordian III, dessen Revers Hermes mit Geldbeutel und Kerykeion zeigt.30 Münztypen für Elagabal sowie weitere Münzen für Gordian III. sind nach aktuellem Forschungsstand nicht authentisch.31

  1. Varbanov 2007, 287f, Nr. 2704-2707; bei Nr. 2704-2706 gibt I. Varbanov an, dass es keinen Beleg für die Authentizität dieser Münzen gibt. Nr. 2707 hält I. Varbanov aber für authentisch. ↑

  2. CN_Type2594. ↑

  3. PIR T 386. ↑

  4. CN_Type2645; CN_Type2646. ↑

  5. Hera: CN_Type2600; CN_Type2625. Tyche: CN_Type2603; CN_Type2619; CN_Type2621; CN_Type2639; CN_Type2644. Demeter: CN_Type2617. Homonoia: CN_Type2638. Nemesis: CN_Type2647. ↑

  6. CN_Type2606. ↑

  7. Schönert-Geiss 1991, 144f. ↑

  8. Münzen des Septimius Severus: Apollon: CN_Type2651. Hygieia: CN_Type2652. Zeus: CN_Type2654. Tyche: CN_Type2655. Kybele: CN_Type2656. Münzen der Iulia Domna: Hera: CN_Type2662; CN_Type2671. Nemesis: CN_Type2663. Tyche: CN_Type2665; CN_Type2670. Hygieia: CN_Type2668. Homonoia: CN_Type2672. ↑

  9. PIR S 819. ↑

  10. Diese Münzen sind in den Zeitraum von 196 bis 198 n. Chr. zu datieren. Schönert-Geiss 1991, 144f. ↑

  11. CN_Type2679; CN_Type2680; CN_Type2681; CN_Type2682. ↑

  12. CN_Type2824. Zwei weitere bei I. Varbanov angeführte für Geta geprägte Münztypen sind hingegen offenbar nicht authentisch. Gleiches gilt für eine vermeintliche für Plautilla geprägte. Varbanov 2007, 301, Nr. 2874-2876. ↑

  13. CN_Type2683; CN_Type2700; CN_Type2701]; CN_Type2702. ↑

  14. CN_Type2762 und CN_Type2768; CN_Type2807 und CN_Type2809. ↑

  15. CN_Type2829. ↑

  16. CN_Type2832. ↑

  17. Varbanov 2007, 302, Nr. 2879-2883. Bei den vermeintlichen Münzen des Elagabal wird angegeben, dass diese Münzen offenbar nicht authentisch sind; bei den vermeintlichen weiteren Münzen des Gordian fehlt hingegen diese Angabe. ↑

Besonderheiten der Prägung

Einige Revers-Motive weisen eindeutig einen lokalen Bezug auf. So kann die Darstellung von drei Frauengestalten, die teils als Nymphen, teils als Chariten interpretiert werden, als Zeugnis für einen Lokalkult angesehen werden.32 Die drei Frauengestalten sind manchmal in langen Gewändern,33 manchmal nackt dargestellt,34 umschlingen sich gegenseitig an den Schultern und halten unterschiedliche Attribute in den Händen.35 Auf einem unter Septimius Severus geprägten Fünfer sind sie zusammen mit dem Flussgott Hebros dargestellt, der vor ihnen gelagert ist und sich auf ein Quellgefäß stützt.36 Mit der Darstellung des thrakischen Sängers Orpheus auf einem unter Iulia Domna geprägten Dreier wird ein verbreiteter Lokalmythos in der Münzprägung rezipiert.37 Orpheus-Darstellungen sind in thrakischen Münzstätten durchaus üblich; auch Hadrianopolis und Philippopolis wählten gelegentlich Orpheus als Bildmotiv auf dem Revers.38

Die Abbildung einer Mondsichel mit einem Stern39 respektive vier Sternen40 ist als Zeugnis eines lokalen Mondkultes zu interpretieren, der wahrscheinlich mit dem Artemis-Kult in Verbindung stand.41 Dass sich auch der ursprünglich aus Thrakien stammende Dionysos-Kult in Traianopolis großer Beliebtheit erfreute und in der numismatischen Evidenz Anklang fand,42 nimmt nicht wunder. Ferner lässt sich der Abbildung des keltischen Heilgottes Telesphoros auf einem unter Caracalla geprägten Einer ein lokaler Bezug attestieren.43 Auch die anderen Heilgottheiten Asklepios und Hygieia waren ausweislich des numismatischen Befundes in Traianopolis sehr beliebt.44 Neben herkömmlichen Asklepios- und Hygieia-Darstellungen45 wird auf einigen kleinen Nominalen ein Asklepios-Stab dargestellt.46

Die in Thrakien verbreitete Verehrung ägyptischer und orientalischer Gottheiten fand auch in den Typenschatz von Traianopolis Eingang: Serapis-47 und Harpokratesdarstellungen48 erfreuten sich während der Regierungszeit des Caracalla großer Beliebtheit; Isis fehlt hingegen im Typenrepertoire von Traianopolis. Zudem sind Darstellungen der kleinasiatischen Fruchtbarkeitsgöttin Kybele in der Münzprägung von Traianopolis präsent.49 Darüber hinaus verweisen Demeter-Darstellungen in den Kontext der Mysterienkulte: auf einem unter Caracalla geprägten Fünfer ist eine cista mystica zu ihren Füßen dargestellt,50 die in den Kontext der eleusinischen Mysterien verweist.51 Zwei weitere Einer zeigen eine cista mystica als selbstständiges Münzbild.52

Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.

  1. Schönert-Geiss 1991, 155. ↑

  2. CN_Type2594; CN_Type2653; CN_Type2685. ↑

  3. CN_Type2713. ↑

  4. CN_Type2594: Spindeln. CN_Type2653; CN_Type2685: Gefäße – womöglich Wasserkrüge. CN_Type2713: keine Attribute – eine der Frauengestalten lässt Wasser aus ihrer Hand träufeln. E. Schönert-Geiss hält ausweislich dieser Attribute eine Interpretation der Frauengestalten als Quellgottheiten für naheliegend. Dazu Schönert-Geiss 1991, 155. ↑

  5. CN_Type2653. ↑

  6. CN_Type2664. ↑

  7. Schönert-Geiss 1991, 157. ↑

  8. CN_Type2673; CN_Type2761; CN_Type2762; CN_Type2768. ↑

  9. CN_Type2822. ↑

  10. Schönert-Geiss 1991, 155. ↑

  11. Dionysos-Darstellungen: CN_Type2737; CN_Type2823. Weintraube: CN_Type2658; CN_Type2676; CN_Type2737; CN_Type2738; CN_Type2802; CN_Type2823. ↑

  12. CN_Type2817. ↑

  13. Schönert-Geiss 1991, 155f. ↑

  14. Asklepios: CN_Type2646; CN_Type2703; CN_Type2708; CN_Type2779; CN_Type2824. Hygieia: CN_Type2652; CN_Type2668; CN_Type2699; CN_Type2714. Asklepios und Hygieia: CN_Type2691. ↑

  15. CN_Type2675; CN_Type2772; CN_Type2774. ↑

  16. CN_Type2695; CN_Type2705; CN_Type2787. ↑

  17. CN_Type2733. ↑

  18. CN_Type2656; CN_Type2684. ↑

  19. CN_Type2698. ↑

  20. Schönert-Geiss 1991, 156. ↑

  21. CN_Type2799; CN_Type2800. ↑

Bibliographie

  • Dumont/Homolle 1876 = A. Dumont/Th. Homolle, Mélanges d’archéologie et d’épigraphie (Paris 1892) 188-287.
  • Meyer 1994 = E. Meyer, Rezension zu E. Schönert-Geiss, Die Münzprägung von Augusta Traiana und Traianopolis, in: Gnomon 66, 1994, 608-611.
  • Oberhummer 1937 = E. Oberhummer, Traianopolis, in: RE VI,2, 1937, 2082-2085.
  • Schönert-Geiss 1991 = E. Schönert-Geiss, Die Münzprägung von Augusta Traiana und Traianopolis, Griechisches Münzwerk 31 (Berlin 1991).
  • Varbanov (vol. III) 2007 = I. Varbanov, Greek Imperial Coins. And their Values, vol. 3: Thrace. From Perinthus to Trajanopolis (Bourgas 2007).

Karte der Münzstätten mit Typologie


Legende
Münzstätte
Fund
Fundort