Die Münztypologie von

Serdika

Topographie und Geschichte

Serdika kann anhand des archäologischen Befundes eindeutig auf dem Gebiet des heutigen Sofia lokalisiert werden.1 Die Stadt befindet sich, wie sich auch im numismatischen Befund niederschlägt,2 in der Nähe des Flusses Oiskos. Serdika lag an der bedeutenden römischen Heerstraße, der via diagonalis,3 die Rom und Byzanz miteinander verband.4 Ob der Ursprung von Serdika auf eine thrakische oder keltische Ortsgründung zurückzuführen ist,5 oder ob sich Serdika vielmehr aus einem römischen Kastell entwickelt hat, ist bislang nicht endgültig geklärt.6 Als gesichert gilt allerdings eine militärische Konfrontation der römischen Legionen des Crassus und der serdischen Volksstämme im Jahr 28 v. Chr., in der die Römer den Sieg davontrugen.7 Nach Crassus‘ Sieg wurde ein romfreundlicher odrysischer Volksstamm auf dem eroberten Gebiet angesiedelt.8 Während der Eroberung Dakiens unter Trajan ist ein Stamm der Besser epigraphisch belegt, der unter anderem auch in der Gegend des späteren Serdika ansässig war.9

Wie anhand des Beinamens Ulpia ersichtlich ist,10 wurde Serdika unter Trajan zu einer colonia erhoben,11 womit das Gemeinwesen den rechtlichen Status einer autonomen römischen Stadt erhielt.12 In der hohen Kaiserzeit profitierten Serdika und andere Ortschaften im Inneren Thrakiens von der römischen Herrschaft und erlebten einen großen wirtschaftlichen Aufschwung,13 was nicht zuletzt der für die römische Kriegsführung strategisch günstigen Lage der Stadt zu verdanken war.14 Im zweiten Jahrhundert wurde Serdika mit einer Festungsmauer umgeben.15 In den Jahren 214/215 hat sich Caracalla im Zuge seiner Thrakien-Reise offensichtlich auch in Serdika aufgehalten.16 Einen nächsten zivilisatorischen Höhepunkt erreichte Serdika schließlich in der Spätantike unter Kaiser Konstantin sowie seinen Nachfolgern.17

  1. Ruzicka 1915, 3; Danov 1979b, 267. ↑

  2. Oberhummer 1923, Sp.1669; Ruzicka 1915, 3. ↑

  3. Danov 1979b, 267. ↑

  4. Ruzicka 1915, 4. ↑

  5. So etwa Danov 1979b, 267. ↑

  6. Oberhummer 1923, Sp.1670.; Ruzicka 1915, 3; Varbanov (Vol. III) 2007, 217. ↑

  7. Danov 1979a, 123–127; Danov 1979b, 268. ↑

  8. Ruzicka 1915, 4. ↑

  9. CIL X 1754. Siehe auch Ruzicka 1915, 4. ↑

  10. Zur spezifischen Bedeutung des Beinamens Ulpia in Thrakien siehe Danov 1979a, 175. ↑

  11. Oberhummer 1923, Sp.1670; Ruzicka 1915, 4. ↑

  12. Ruzicka 1915, 4; Varbanov (Vol. III) 2007, 217. ↑

  13. Danov 1979b, 271f.; Oberhummer 1923, Sp.1670. ↑

  14. Ruzicka 1915, 4. ↑

  15. Danov 1979a, 175. ↑

  16. Oberhummer 1923, Sp.1670; Ruzicka 1915, 5. ↑

  17. Oberhummer 1923, Sp. 1670; Varbanov (Vol. III) 2007, 217. ↑

Forschungsstand

Erste Typenzusammenstellungen sind bereits von L. Ruzicka 18 und von N. Mouchmov 19 vorgelegt worden. Wichtige Ergänzungen liefert der umfangreiche Katalog von N. Hristova.20 Darauf aufbauend haben wir uns zum Ziel gesetzt, in unserem Typenkatalog auch weitere bei I. Varbanov genannte und für authentisch befundene Münztypen, die im Rahmen des Roman-Provincial-Coinage-Projekts publizierten Münztypen und insbesondere Münzen aus dem Handel mit aufzunehmen, um eine möglichst vollständige Erfassung der Münztypen von Serdika in unserer Datenbank zu gewährleisten.

  1. Ruzicka 1915. ↑

  2. Mouchmov 1926. ↑

  3. Hristova 2007. ↑

Prägesystem und Typologie

Die ersten in Serdika geprägten Bronzemünzen datieren in die Regierungszeit des Marcus Aurelius, der offensichtlich in Serdika eine Münzstätte eingerichtet hatte.21 Da auch Münztypen mit dem Porträt seines Bruders Lucius Verus auf dem Avers sowie Münztypen mit beiden Kaisern zusammen auf dem Revers vorhanden sind, lässt sich das Jahr 169, als das Todesjahr des Lucius Verus, als terminus ante quem für die Münzprägung Serdikas konstatieren.22 Eine Vielzahl an Münzen wurde unter Caracalla geprägt.23 Nach Caracallas Tod gab es eine Prägelücke von knapp 40 Jahren.24 Erst unter Gallienus wurde offenbar die Prägetätigkeit kurzzeitig wiederaufgenommen. In Serdika wurden Münzen in drei Nominalstufen emittiert, die in unserem Typenkatalog - abweichend von der Nominalstruktur, die L. Ruzicka vorgeschlagen hat - hilfsweise als Zweier, Vierer und Fünfer bezeichnet werden. Auf den Fünfern des Marcus Aurelius, Lucius Verus und Septimius Severus sind verschiedene Statthalternamen beigeschrieben. Zu ergänzen ist weiterhin noch ein einziges Medaillon, das für Faustina II. geprägt wurde.

  1. Ruzicka 1915, 4; Oberhummel 1923, Sp.1670; Danov 1979b, 272. ↑

  2. Ruzicka 1915, 4. ↑

  3. Danov 1979b, 273; Oberhummer 1923, Sp.1670; Ruzicka 1915, 5. ↑

  4. Eine manchmal Elagabal zugeordnete Münze kann eindeutig Caracalla zugeordnet werden. Siehe dazu Varbanov (vol.Vol. III) 2007, 275; Mouchmov 1926, 130f., Nr. 500. ↑

Chronologie

Unter Marcus Aurelius und Lucius Verus wurden relativ wenige Münztypen geprägt, wobei Zweier und Vierer eindeutig überwiegen und Fünfer eher die Ausnahme waren. Markanterweise sticht hinsichtlich der Bildmotive auf dem Revers eine Vorliebe für die ägyptischen Gottheiten ins Auge.25 Dieser Befund könnte aber auch der Kontingenz geschuldet sein und ist angesichts der geringen Anzahl verschiedener Typen nicht wirklich repräsentativ. Besondere Beachtung verdient ein eindrucksvolles Medaillon, das auf der Vorderseite Faustina und auf der Rückseite Nike in einer Biga zeigt;26 es ist das einzige bekannte Medaillon aus Serdika.

Unter Septimius Severus wurden sowohl Fünfer als auch Zweier geprägt. Es kristallisiert sich eine Vorliebe für verschiedene Adler-Darstellungen heraus, wobei der Adler mit unterschiedlicher Blickrichtung teils auf einem Globus,27 teils auf einem Blitz,28 teils zwischen zwei Standarten,29 teils auf dem Boden30 steht und einen Kranz im Schnabel hält. Außerdem ist der prozentuelle Anteil an Typen mit Kaiserdarstellungen auf dem Revers relativ hoch zu veranschlagen.31

Wie bereits angesprochen, stammt der Großteil der in Serdika geprägten Münzen aus der Regierungszeit Caracallas, was sich in einem großen Repertoire unterschiedlicher Bildmotive auf dem Revers niederschlägt. Besondere Aufmerksamkeit verdienen zwei Münztypen, die sowohl Caracalla als auch Geta auf dem Revers zeigen: Beim einen Typ sind sie einander zugewandt und halten zusammen eine Preiskrone;32 beim anderen Typ stehen sie jeweils rechts und links von einem Tropaion und setzen ihren Fuß auf den Rücken von gefesselten Gefangenen.33 Bei den erhaltenen Zweiern fallen insbesondere unterschiedliche Eros-Darstellungen34 sowie verschiedene Tier-Darstellungen35 als Reversmotive auf.

Was die Münztypen des Geta anbelangt, sind zweierlei Kategorien zu unterscheiden: Einerseits wurden einige Münzen für Geta als Caesar emittiert: Bei diesen Münztypen, die jeweils zwischen 197 und 205 n. Chr. datieren, handelt es sich um Zweier, deren Reverse vornehmlich Personifikationen und Tiermotive, aber gelegentlich auch Götterbilder zeigen. Andererseits ließ Serdika nach Getas Ernennung zum Augustus im Jahr 209 n. Chr. zahlreiche Fünfer prägen, für deren Revers vornehmlich klassische Götterdarstellungen, Personifikationen sowie Kaiserdarstellungen gewählt werden. Dabei lässt sich eine Präferenz für die Heilgötter Asklepios und Hygieia konjizieren.36

Nach der bereits erwähnten knapp vierzigjährigen Prägelücke sind einige Fünfer des Gallienus erhalten.37 Wie es für die Münzprägung der sogenannten Soldatenkaiser typisch ist, sind die Avers-Legenden relativ knapp gehalten. Bei den Kaiserporträts fällt auf, dass Gallienus überproportional oft mit Strahlenkrone dargestellt wird. Der größte Teil der Revers-Motive ist aus dem gängigen Götterarsenal gewählt. Besonders bemerkenswert ist die Vielzahl an Typen mit unterschiedlichen Tyche-Darstellungen auf dem Revers.38 Dabei sticht vor allem auch die Wiedergabe eines Genius ins Auge, der eine Tyche-Statuette in der Rechten hält.39 Auch die Darstellung der Selene ist beachtlich,40 zumal diese auf anderen thrakischen Münzen nicht verbreitet ist.

Besonderheiten der Prägung

Die Vielzahl von Apollon-Darstellungen in unterschiedlichen Variationen und unter Betonung verschiedener Zuständigkeitsgebiete dieses Gottes legt die Vermutung nahe, dass Apollon eine lokale Hauptgottheit gewesen sein dürfte.41 Beachtlich sind auch die verschiedenen Eros-Darstellungen, erscheint doch Eros nicht nur, wie in anderen Prägestätten, als Todesgenius mit einer Fackel,42 sondern auch als Delphin-43 oder Löwenreiter,44 als Dornenzieher,45 als Begleiter des auf einem Löwen reitenden Herakles46 oder des Apollon mit der Epiklese Iatros,47 beim Spielen mit einem anderen Eros48 und in Vergesellschaftung mit Psyche.49 Ferner ist das Auftreten der ägyptischen Götter Isis,50 Serapis51. Stehend mit Zepter und erhobener Rechten: [CN_Type514]; [CN_Type870]; [CN_Type630]; [CN_Type686]; [CN_Type11574].} und Harpokrates52 in der Münzprägung von Serdika durchaus bemerkenswert. Die Tatsache, dass Serapis und Isis jeweils als Brustbild auf Münzen erscheinen, legt die Vermutung nahe, dass es einen öffentlichen Kultus für diese Gottheiten gab.53

Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.

  1. Ruzicka 1915, 6f.; Danov 1979b, 280. ↑

  2. CN_Type637; CN_Type681; CN_Type767. ↑

  3. CN_Type745. ↑

  4. CN_Type746. ↑

  5. CN_Type487. ↑

  6. CN_Type621. Bei diesem Münztyp wird die kleine Gestalt hinter Herakles sowohl von L. Ruzicka als auch von N. Mouchmov allerdings als Nike gedeutet. Ruzicka 1915, 47, Nr. 275; Mouchmov 1926, 117, Nr. 406. Varbanov interpretiert diese Gestalt hingegen als Eros. Varbanov (Vol. III) 2007, 256, Nr. 2356-2357. ↑

  7. CN_Type526. Als Statuengruppe in einem tetrastylen Tempel: CN_Type8713. Bei diesem Münztyp wird die kleine Gestalt neben Apollon Iatros von L. Ruzicka als jugendlicher Asklepios gedeutet. Ruzicka 1915, 34, Nr. 170; (im tetrastylen Tempel) S.60 Nr. 368. Die Interpretation von Varbanov und von Mouchmov, die hier einen Eros sehen wollen, ist meines Erachtens allerdings plausibler. Varbanov (Vol. III) 2007, 239, Nr. 2143; (im tetrastylen Tempel) S.262 Nr. 2455-2456; Mouchmov 1926, 72, Nr. 117; 119; im tetrastylen Tempel) S.120, Nr. 429. ↑

  8. CN_Type638. ↑

  9. CN_Type626; CN_Type11511. ↑

  10. Mit Sistrum und Situla: CN_Type488; CN_Type498. Als Brustbild mit Lotosblume oder Mauerkrone: CN_Type564; CN_Type659; CN_Type818. ↑

  11. Als Brustbild: CN_Type502; CN_Type667; CN_Type740; CN_Type817. Als Hades-Serapis mit Kerberos: CN_Type505; CN_Type723; CN_Type796; CN_Type11551; CN_Type11583. ↑

  12. CN_Type566; CN_Type657. ↑

  13. Ruzicka 1915, 6; 8. ↑

Bibliographie

  • Danov 1979a = Ch. Danov, Die Thraker auf dem Ostbalkan von der hellenistischen Zeit bis zur Gründung Konstantinopels, in: ANRW 7.1 (Berlin/New York 1979) S.21–185.
  • Danov 1979b = Ch. Danov, Philippopolis, Serdika, Odessos. Zur Geschichte und Kultur der bedeutendsten Städte Thrakiens von Alexander d. Gr. bis Justinian, ANRW 7.1, (Berlin/New York 1979) 241–300.
  • Hristova 2007 = N. Hristova, Monetosečeneto na Trakija I-III v. : Serdika = The coins of Thrace I-III c. A.C.: Serdica (Blagoevgrad 2007).
  • Mouchmov 1926 = N. Mouchmov, Les Monnaies et les Ateliers Monétaires de Serdika (Sofia 1926).
  • Oberhummer 1923 = E. Oberhummer, Serdika, in: RE II A,2, 1923, 1669–1671.
  • Ruzicka 1915 = L. Ruzicka, Die Münzen von Serdika, in: NumZ 8, 1915, 1–82.
  • Varbanov (Vol. III) 2007 = I. Varbanov, Greek Imperial Coins. And their Values, Vol. 3: Thrace. From Perinthus to Trajanopolis (Bourgas 2007).

Karte der Münzstätten mit Typologie


Legende
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Fund
Fundort