Münzstätten
-
- Name: Selymbria
- Moderner Name: -
- Nomisma-ID: selymbria
- Nomisma-Region: the_european_coast_of_the_propontis
Inhalt
- Topographie und Geschichte
- Forschungsstand
- Prägesystem und Typologie
- Chronologie
- Bibliographie
- Auf der Karte anzeigen
Verknüpfte Datensätze
Topographie und Geschichte
Etappen ihrer Geschichte teilt die Stadt Selymbria (heute Silivri), gelegen an der nördlichen Propontis zwischen Byzantium und Perinth, mit anderen thrakischen Küstenstädten: Im Zuge des Ionischen Aufstandes wurde sie 493 v. Chr. erobert, als Mitglied des delisch-attischen Seebundes war Selymbria gegen Mitte des 5. Jh. v. Chr. zu beträchtlichen Zahlungen verpflichtet, auch gegenüber Athen selbst. Während des Peloponnesischen Krieges erkaufte sich Selymbria seine Unabhängigkeit zeitweise durch Tributzahlungen an Athen, stand zeitweise jedoch auch unter dessen direkter Kontrolle.1
-
Allg.: Schönert-Geiss 1975, 37 f.; Isaac 1986, 208–211; Schönert-Geiss 1999, 1111. ↑
Forschungsstand
Die Münzprägung Selymbrias ist übersichtlich; bemerkenswert ist allenthalben, dass die Stadt im 5. Jh. v. Chr. – im Gegensatz zu verschiedenen anderen, benachbarten thrakischen Städten – überhaupt Silber ausmünzte. Die Prägungen wurden 1975 von E. Schönert-Geiss in einem Corpus aufgearbeitet.2 Ikonographisches Erkennungsmerkmal aller lokal zirkulierenden, wohl für den örtlichen Bedarf hergestellten Prägungen ist der Hahn als Aversmotiv, die Reverse zeigen zunächst ein quadratum incusum, später auch eine Ähre. Das zu ΣΑ oder ΣΑΛΥ abgekürzte Ethnikon befindet sich auf der Vorder- oder Rückseite, kann aber auch vollständig fehlen. T. Gökyɪlɪrɪm überarbeitete anlässlich eines Hortfundes 1998 nochmals die zeitliche Einordnung der Prägung.3
Aufgrund des gemeinsamen Motivs des Hahnes, der sowohl in Selymbria als auch in Dikaia auftritt, finden sich in Katalogen und anderen Publikationen häufig Münzen von Selymbria unter Dikaia und vice versa.
Prägesystem und Typologie
Den Münzfuß bestimmt E. Schönert-Geiss „zum größten Teil“4 als thrakisch-makedonisch (II. Gewichtsserie), entgegen älterer Bestimmungen als persisch (Emission 1) bzw. attisch (Emission 2).5 S. Psomas Zweifel an der Berechtigung, von einem thrako-makedonischen Standard zu sprechen,6 können möglicherweise auch bezüglich Selymbria greifen. Die Gewichte der Münzen von Selymbria stellen sich so dar, dass die Münzen entweder den attischen oder einen reduzierten persischen Münzfuß bedienen können.
Zur Wahl des Hahns als Hauptmotiv sind keine Schriftquellen überliefert. Weder wirtschaftliche noch mythologische Gründe sind greifbar. Die einzige Diskussion diesbezüglich stammt von T. Gökyɪldɪrɪm;7 er legte dar, dass seiner Ansicht nach ein Bezug zum – thrakischen – Gott Ares vorliege. Dieser habe den Jüngling Alektryon in einen Hahn verwandelt, nachdem er bei seiner Aufgabe, das Stelldichein des Ares mit Aphrodite als Türsteher abzusichern, eingeschlafen war: Hephaistos ertappte das Liebespaar. Als Hahn (griechisch Άλεκτρυών) sollte der Jüngling nie mehr vergessen, den nahenden Morgen anzukündigen. – Ob mit diesem mythischen Verweis tatsächlich die Erklärung für die Verwendung des Hahns als Hauptmotiv gefunden ist, bleibt besser offen; fest steht freilich, dass auch andere Städte wie Himera auf Sizilien, Karystos in Euböa, Dardanos in der Troas, Dikaia in Makedonien und das thrakische Dikaia den Hahn als Bild verwendeten. Es wäre zu prüfen, ob Selymbria über die Ikonographie Beziehungen zu einer dieser Städte zum Ausdruck bringen wollte. Kolonisiert wurde Selymbria allerdings vom dorischen Megara (oder von Chalkedon),8 so dass zunächst keine diesbezüglichen Anhaltspunkte erkennbar sind.
Chronologie
Das Prägesystem Selymbrias ist recht klar gegliedert: Es besteht aus zwei Perioden und verschiedenen Nominalen: Während der ersten frühklassischen Periode wurden sechs Wertstufen produziert, während der mittleren Klassik drei Wertstufen.
Während die ältere erste Emission auf den Rückseiten ein Quadratum incusum trägt, sind es auf der zweiten jüngeren Emission Ähren bzw. ein Getreidekorn. Die Datierung der zwei Gruppen erfolgt bei E. Schönert-Geiss aufgrund stilistischer Erwägungen, wobei sie sich an den Datierungen orientiert, die J. M. F. May zur Prägung von Abdera erarbeitet hatte.9 Außerdem schließt sie sich der Annahme von E. Erxleben an, dass aufgrund des Münzgesetzes zwischen den Emissionen eine Prägepause anzusetzen sei.10 Somit datiert sie die erste Phase auf die Jahre 492/90–473/70 v. Chr., sie besteht aus Oktobolen, Tetrobolen, Triobolen, Diobolen, Obolen und Hemiobolen, und die zweite Phase auf ca. 425/20–411/10 v. Chr., bestehend aus Oktobolen, Triobolen und Obolen. Für beide konstatiert sie den thrako-makedonischen Münzfuß in der II. Gewichtsserie, wobei sie beim kleinsten Nominal der ersten Phase, den Hemiobolen, erwägt, ob diese einem persischen Münzfuß zuzuordnen sind.
T. Gökyɪlɪrɪm schlägt 1998 ausgehend vom Hort von Örcünlü, abweichend von E. Schönert-Geiss, eine Einteilung der Prägung in drei Perioden vor: die erste Phase ca. 492/90–473/70 v. Chr. (analog zu May Periode III)11, die zweite Phase ca. 470-449 v. Chr. (May Periode IV)12 und die dritte Periode ca. 439-420 v. Chr. (May Periode V).13 Im Hort befanden sich Oktobole von Selymbria. Die frühen Oktobole aus E. Schönert-Geiss’ erster Phase kehrt er in der Reihenfolge um und zieht sie zeitlich auseinander. T. Gökyɪlɪrɪm weis darauf hin, dass seine Nr. 66 14 weder das von E. Schönert-Geiss postulierte Windmühlenmuster trage noch vom Gewicht her in ihre Gruppe passe. Schließe man vom Abnutzungsgrad seiner Nr. 66 auf eine lange Laufzeit, dürfte diese chronologisch zur ersten Emission gehören. Gökyɪlɪrɪms Fundmünzen Nr. 67-71 15 weichen in Bezug auf Stil, Gewicht und Abnutzung von seiner Nr. 66 ab und bilden daher – für ihn – eine nachfolgende Gruppe. Die dritte Emission T. Gökyɪlɪrɪms richtet sich wiederum nach dem hier noch geringeren Grad der Abnutzung, wobei J. M. F. May seine Abdera-Periode V bis 410 v. Chr. laufen lässt, während T. Gökyɪlɪrɪm ein Ende um 420 v. Chr. bevorzugt. Die Gruppierung T. Gökyɪlɪrɪms ist unseres Erachtens nicht zwingend und stützt sich auf eine zu geringe Materialbasis.
Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.
Bibliographie
- Erxleben 1965 = E. Erxleben, Das Münzgesetz des delisch-attischen Seebundes (Dissertation).
- Gökyilirim 1998 = T. Gökyɪlɪrɪm, Vth c. B.C. Coin Hoard from Thrace - Örcünlü, in: U. Peter (Hg.), Stephanos numismatikos. Edith Schönert-Geiss zum 65. Geburtstag (Berlin 1998), 279–293.
- Hoover 2017 = O.D. Hoover, Handbook of Coins of Macedon and Its Neighbors. Part II: Thrace, Skythia, and Taurike, Sixth to First Centuries BC, The Handbook of Greek Coinage Series, Volume 3 (Leiden/Lancaster 2017), S.164–167.
- Isaac 1986 = B. Isaac, The Greek Settlements in Thrace Until the Macedonian Conquest (Leiden 1986).
- May 1965 = J.M.F. May, The Coinage of Abdera (540–345 B.C.). Royal Numismatic Society Special Publication No. 3. (London 1965).
- Price 1977 = M.J. Price, Rezension zu: E. Schönert-Geiss, Die Münzprägung von Bisanthe – Dikaia – Selymbria. Schriften zur Geschichte und Kultur der Antike 13 (Berlin 1975), in: Numismatic Chronicle, 237 f.
- Psoma 2015 = S. Psoma. Did the So-Called Thraco-Macedonian Standard Exist?, in: U. Wartenberg – M. Amandry (Hrsg.), ΚΑΙΡΟΣ: Contributions to Numismatics in Honor of Basil Demetriadi (New York 2015), 167–190.
- Schönert-Geiss 1975 = E. Schönert-Geiss, Die Münzprägung von Bisanthe – Dikaia – Selymbria. Schriften zur Geschichte und Kultur der Antike 13 (Berlin 1975).
- Schönert-Geiss 1999 = E. Schönert-Geiss, Bibliographie zur antiken Numismatik Thrakiens und Mösiens (Berlin 1999).