Die Münztypologie von

Perinthos

Topographie und Geschichte

Die antike Hafenstadt Perinthos (griechisch Πέρινθος) lag an der thrakischen Küste der Propontis, zwischen Bisanthe und Byzantion. Die Stadt wurde um 602 v. Chr. von samischen Kolonisten gegründet.1 Ab dem Ende des 3. Jh. n. Chr. wurde Perinthos nach seinem mythischen Gründer Herakles in Herakleia umbenannt.2 Die moderne Stadt heißt heute Marmara Ereğlisi und ist ein kleiner Fischereihafen am Marmarameer in der europäischen Türkei und gehört zur Provinz Tekirdağ.

Die Geschichte der Stadt in der klassischen Zeit sowie im Hellenismus ist gekennzeichnet durch ihren ständigen Kampf um die Wahrung ihrer Selbstständigkeit. Obwohl ihre geographische Position sie zu einer der bedeutendsten Hafen- und Handelsstädte an der Propontisküste machte, scheint es, dass Perinthos zu jener Zeit kaum eine entscheidende Rolle spielte und stets durch die benachbarte Stadt Byzanz beeinträchtigt wurde.

Die Bedeutung der Stadt nimmt in der römischen Kaiserzeit erheblich zu. Ab 46 n. Chr. war Perinthos Hauptstadt der Provinz Thracia und wurde zum Verwaltungssitz der thrakischen Statthalter erhoben. Die neue administrative Aufgabe gab Perinthos den Spielraum als Verwaltungszentrum an Bedeutung zu gewinnen. In dieser Funktion erfuhr die Stadt besondere Förderungen und erreichte dadurch ihre wirtschaftliche Blüte, die unmittelbaren Ausdruck in ihrer kaiserzeitlichen Münzprägung fand.

  1. Ps.-Skymn. 713–715; Strab. 7a,1,56; Diod. 16,76; Plin. nat. 4,47; Kolonisation IV. ↑

  2. Die Umbenennung ist 286 erstmals bezeugt (vgl. Amm. 27,4,12; Zos. 1,62,1). ↑

Forschungsstand

Die Münzprägung von Perinthos wurde bislang ausführlich von E. Schönert-Geiss untersucht, die in der Reihe Griechisches Münzwerk im Jahre 1965 einen Stempelkatalog publizierte. Für die Erstellung unseres Typenkatalogs wurden grundsätzlich dieser Corpusband berücksichtigt, sowie die Münztypen der Reihe Roman Provincial Coinage,3 die Münztypen von I. Varbanov4 und weitere Münztypen, die im Münzhandel heutzutage vorkommen.

  1. RPC I, II, III, IV. ↑

  2. Varbanov 2007, 7–83. ↑

Prägesystem und Typologie

Die Münzprägung der Stadt Perinthos umfaßt eine autonome, eine pseudoautonome und die kaiserzeitliche Provinzialprägung. Die Prägung der Stadt begann um die Mitte des 4. Jh. v. Chr. und bestand anfangs aus nur einigen wenigen Silber- und Bronzeemissionen, die umfangreicher waren. In der römischen Kaiserzeit, sowie in der sog. pseudoautonomen Zeit wurde in Perinthos ausschließlich in Bronze geprägt. Insgesamt lassen sich über 550 Typen für Perinthos unterscheiden, zu denen aufgrund ikonographischer und anderer Abweichungen Subtypen angelegt wurden. Das Wertsystem der Prägung folgt jeweils der Klassifizierung von E. Schönert-Geiss.5

  1. Schönert-Geiss 1965, 27–33. ↑

Römische Kaiserzeit

Die numismatische Bedeutung der Münzstätte Perinthos lag ohne Zweifel in der römischen Kaiserzeit, denn ihre Prägetätigkeit nahm hier deutlich zu. Ihre Münzprägung begann unter der Herrschaft des Claudius und ging – mit Unterbrechungen – bis zur Zeit des Kaisers Gallienus (253–268 n. Chr.). Nach dem Tode Neros, verliert Perinthos das Münzrecht, und die Stadt erlangte das Privileg erst wieder unter Domitian. Da von Commodus keine Münzen erhalten sind, scheint mit dem Tode Marcus Aurels für Perinthos das Münzrecht erloschen und eine Erneuerung des Privilegs durch Commodus nicht erfolgt zu sein. Erst unter Septimius Severus setzte die Stadt nach einer zwölfjährigen Pause ihre Prägung wieder fort. Bis zu Severus Alexander hatte die Münzstätte fast 150 Jahre ohne Unterbrechung geprägt.

Perinthos prägte in der römischen Kaiserzeit nur in Bronze. Das Prägesystem umfasst, einschließlich der Medaillons, sieben Nominale, die aufgrund ihrer Größe und Gewichte nach Schönert-Geiss als „Einer“, „Zweier“, „Dreier“, „Vierer“, „Fünfer“ und „Sechser“ bezeichnet werden können.6

Unter Claudius prägte Perinthos zwei Nominale: Dreier (Durchmesser: 22–25mm; Gewicht: 9.16g) und Fünfer (Durchmesser: 30–32mm; Gewicht: 18. 95g), während unter Traian die Zweier als drittes Nominal hinzukamen (Durchmesser: 20–22mm; Gewicht: 5.67g) und etwas später unter Sabina und Antoninus Pius das kleinste Nominal, der Einer erscheint (Durchmesser: 18–20mm; Gewicht: 4.75g). Seit der severischen Zeit und auch unter Gordian III. wurden noch drei Nominalstufen hinzugefügt (Vierer: Durchmesser: 27–29mm; Gewicht: 10.7g, Sechser: Durchmesser: 32–35mm; Gewicht: 20.35g und Medaillons: Durchmesser: 37–40mm; Gewicht: 30.1g), wobei eine Gewichtsreduktion von den bereits bekannten Nominalen erkennbar ist und die Zweier ausschließlich von den kaiserlichen Frauen geprägt wurden. Das Prägesystem ändert sich ein wenig unter Gallienus, da die Fünfer(ca. 29.6g) und Sechser (ca. 24.5g) schwerer wiegen, trotz unveränderter Größen.

Von Claudius bis Gallienus prägte Perinthos mehrere Münztypen. Die Münzen tragen auf der Vorderseite das Bildnis des Kaisers oder das einer Angehörigen des Kaiserhauses und verzeichnen analog zur stadtrömischen Prägung, deren Namen und Titel in griechischer Sprache. Auf der Rückseite erscheint normalerweise der Name der Stadt und ab 107 n. Chr. wird neben dem Ethnikon auch der Name des Statthalters hinzugefügt, der neben dem Kaiser als wichtigste Person auf den Münzen der Stadt erscheint.7

Eine Ausnahme bilden einige Typen von Nero in Latein. Dazu gehört die seltene Ausgabe von sestertii, dupondii und aes in Anlehnung an die römischen Nominale mit Legenden in lateinischer Sprache.8 Sehr interessant ist dabei die Darstellung eines Triumphbogens mit der Statue des Kaisers auf einer Quadriga, sowie die Legende SC, die sich auf den römischen Senat bezieht. Da einige dieser Münzen den gleichen perinthischen Galba-Gegenstempel aufweisen, wurde Perinthos als mögliche Münzstätte dieser Serien vorgeschlagen. In einigen Fällen wurde sogar derselbe Stempel verwendet. Angesichts der Tatsache, dass Gegenstempel in der Regel von einer Münzstätte auf ihre eigenen Münzen aufgebracht wurden, erscheint die Zuordnung der neronischen Münzen durch Perinthos sinnvoll. Wenn ihre Zuweisung zur Münzstätte Perinthos richtig ist, dann es handelt sich um ein einzigartiges Phänomen ihrer Prägungsgeschichte.

Typische Münzbilder der Rückseite sind meistens Darstellungen aus der griechisch-römischen Götterwelt, Attribute/Gegenstände, Personifikationen, Tierdarstellungen oder ägyptische Gottheiten. Neben diesen bildet die Kaiserdarstellung einen beliebten ikonographischen Typ und bezieht sich meistens auf historische Ereignisse. So finden wir unter Claudius Typen, bei denen die Stadt (Stadtgöttin) das Stadtrecht vom Kaiser erhält.9 Unter Antoninus Pius finden wir zum ersten Mal das Bild des reitenden Kaisers in Kriegsbekleidung auf einem Pferd, sowie die Darstellung des Kaisers in Kriegsbekleidung, der auf einem Schiff steht.10 Auf den Münzen des Antoninus Pius, des Septimius Severus und Severus Alexanders sehen wir die Ankunft des Kaisers im Hafen von Perinthos, auf anderen den Aufenthalt des Kaisers in der Stadt. Interessanterweise wird die Schiffsdarstellung und insbesondere die Kriegsschiffe mit aufgespanntem Segel und Ruderern unter den späteren Kaisern des 2.und 3. Jhs. n. Chr. ein beliebter Münztyp, was für die Bedeutung der Stadt als Hafen und Flottenstützpunkt spricht.11 Zu den wichtigen kaiserzeitlichen Typen gehören ebenfalls diejenigen, die mit der Nikedarstellung im engen Zusammenhang stehen und sich auf den Sieg des Kaisers beziehen. So wird der Kaiser manchmal zwischen zwei Standarten dargestellt,12 oder auch von der Nike bekränzt.13

Unter den Severern erfuhr die Stadt eine besonders herausragende Stellung. Nach dem erfolgreichen Kampf gegen Pescennius Niger erhielt Perinthos im Jahre 196 n. Chr für seine Unterstützung die erste Neokorie von Septimius Severus verliehen. Die Stadt hatte somit die Erlaubnis bekommen, einen Tempel zu Ehren des Kaisers zu errichten. Es handelt sich hier um den Neokorietempel (von Neokoros = Wächter des Provinzialkults gewidmeten Tempels), der anfangs in zwei Typen erscheint: als selbständiges Bild oder von der Stadtgöttin getragen. Der Tempel als selbständiger Typ erscheint zunächst auf den Münzen des Septimius Severus bei den kleinen Nominal Getas und unter Severus Alexander in perspektivischer Ansicht.14 Der zweite Typ zeigt die Stadtgöttin Tyche mit Füllhorn in der Linken und einem Tempel in der Rechten.15

Nach der Verleihung der Neokorie begann die Stadt große Agone zu feiern. Später in seiner Herrschaft, wahrscheinlich im Herbst 209, machte Severus seinen jungen Sohn Geta zum Augustus; sein älterer Sohn Caracalla war seit 197 Augustus. Zu dieser Zeit fing Perinthos an, zwei Tempel anstelle des vorherigen einzigen Tempels auf den Münzen zu zeigen. Auch die Göttin, die früher einen Tempel hielt, hält jetzt zwei in den Händen.16 Darüber hinaus verkündet die Legende ein neues Fest, das Philadelpheia oder Fest der brüderlichen Liebe, das zu Ehren der angeblichen Übereinstimmung zwischen Caracalla und Geta benannt wird.17 Nach Getas Tod verschwand der Festname Philadelpheia wieder von den Münzen. Seit der Regierungszeit des Septimius Severus finden sich auf den Münzen von Perinthos die Namen von diversen Festspielen. Anstelle des Statthalternamens traten jetzt auf der Rückseite neue Titel auf und oft die Spiele, die in der Stadt veranstaltet wurden. Aus dem numismatischen Material erfahren wir, dass in Perinthos die Severeia, die Philadelpheia, die Aktia und die Pythia, als große Agone gefeiert wurden.

Von Elagabal erhielt die Stadt die zweite Neokorie verliehen. Von jetzt an nannte sich die Stadt ΔΙC ΝΕΩΚΟΡΟC. Die Münztypen bleiben im Prinzip unverändert. Die beiden Tempel sind auf den Münzen identisch dargestellt - Preiskronen, die ihre Feste symbolisieren schweben über ihnen, und eine wird als Aktia, die andere als Pythia bezeichnet.18 Unter Gordian III. finden wir wieder die beiden Tempel als selbständigen Münztyp und die letzten beiden Tempel sehen wir unter Gallienus.19

Von Interesse sind die Typen aus dem Bereich des Herakleskultes, die in der Kaiserzeit einen großen Raum einnahmen. Unter den Severern und bis zu Gallienus war die Darstellung des Herakles sehr verbreitet und insbesondere auf Medaillons, die als Festmünzen bevorzugt wurden.20 Die zahlreichen Heraklestypen auf perinthischen Münzen bestätigen, dass der Kult des Herakles als mythischer Gründer der Stadt lang und beliebt war.

In Perinthos genoß der Kult ägyptischer Gottheiten großes Ansehen. Der Einfluss der ägyptischen Religion findet seinen Niederschlag besonders in der Kaiserzeit, da Serapis und Isis neben ihren Eigenschaften als Gesundheit spendende Mächte auch als Sieg verleihende Gottheiten verehrt wurden. Besonders unter Caracalla, Severus Alexander und Gordian III. haben wir zahlreiche Münzbilder mit Darstellung ägyptischer Gottheiten und ihre Häufigkeit zeigt die Bedeutung der Stadt als Kultstätte der ägyptischen Religion.21

Schließlich stand Perinthos unter Gordian III. mit Ephesos, Kyzikos, Nikomedia und Smyrna im Bund und prägte deshalb Homonoiamünzen22

Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.

  1. Die Nominalbezeichnungen sind am Corpusband von E.Schönert-Geiss orientiert. Schönert-Geiss 1965, 28–32. ↑

  2. Legatus Augusti pro praetore. Der erste prätorische Statthalter auf den Münzen von Perinthos war P. Iuventius Celsus, CN_Type1608; CN_Type1607; CN_Type2073; CN_Type1617. ↑

  3. CN_Type2406; CN_Type2414; CN_Type2420; CN_Type3418; CN_Type3419. ↑

  4. Restitutio: CN_Type1461; CN_Type1465. ↑

  5. CN_Type1636; CN_Type2373. ↑

  6. Typen mit Schiffsdarstellung auf der Rückseite unter Septimius Severus CN_Type2473, CN_Type2475, CN_Type2477, CN_Type2487, CN_Type2548; Caracalla CN_Type2587, CN_Type2588, CN_Type2589; Elagabal CN_Type2860, CN_Type2862, CN_Type2866, CN_Type2870, CN_Type2931; Severus Alexander CN_Type3067; Gordian III. CN_Type3204, CN_Type3205 und Gallienus CN_Type3389, CN_Type3394. ↑

  7. CN_Type2507; unter Septimius Severus. ↑

  8. Zahlreiche Nikedarstellungen unter Septimius Severus: CN_Type2474; CN_Type2494; CN_Type2495; unter Caracalla: CN_Type2584; CN_Type2616; unter Geta: CN_Type3844; Medaillons unter Elagabal: CN_Type3005; CN_Type3006 und unter Severus Alexander: CN_Type3069 usw. ↑

  9. CN_Type2502; CN_Type2522; CN_Type2763; CN_Type2764; CN_Type3106. ↑

  10. CN_Type2481; CN_Type2793; CN_Type2966. ↑

  11. CN_Type3013; CN_Type3138. ↑

  12. CN_Type2526; CN_Type2611; CN_Type2627. Die Medaillons nennen stets in der Legende die im Jahre 198 von Septimius Severus zu Ehren seiner beiden Söhne gestifteten Spiele Philadelpheia. Alle zeigen das typische Porträt der Spätzeit mit dem in lange Locken geteilten Bart. ↑

  13. CN_Type2897; CN_Type2898. ↑

  14. CN_Type3250; CN_Type3391. Zwei Preiskronen: CN_Type3392. ↑

  15. Die Taten des Herakles werden hauptsächlich auf den Medaillons dargestellt, unter Septimius Severus: CN_Type2534; CN_Type2535; CN_Type2536; CN_Type2537; CN_Type2538; unter Caracalla: CN_Type2623; CN_Type2624; CN_Type2642; CN_Type2640; unter Geta: CN_Type2821; CN_Type2825; CN_Type2827; CN_Type2833; unter Elagabal: CN_Type2995; CN_Type2996; CN_Type2999; CN_Type3017; CN_Type3018; CN_Type3022; unter Gordian III.: CN_Type3293; CN_Type3294; CN_Type4170; CN_Type3296; CN_Type3297; CN_Type3298; unter Gallienus: CN_Type3378; CN_Type3380; CN_Type3384; CN_Type3390. ↑

  16. CN_Type2612; CN_Type2613; CN_Type2615; CN_Type3085; CN_Type3136; CN_Type3137; CN_Type3377; CN_Type3396. ↑

  17. CN_Type3404; CN_Type3406; CN_Type3409; CN_Type3411; CN_Type3413. ↑

Chronologie

Autonome Prägung

Während ihrer autonomen Zeit prägte Perinthos sowohl in Silber als auch in Bronze. Die Silberprägung hatte bereits in der späten 2. Hälfte des 4. Jh. v. Chr. begonnen,23 als Perinthos Doppelsigloi (Didrachmen, mit einem Gewicht von ca. 10.50g), Hemisigloi (Hemidrachmen, mit einem Gewicht von ca. 2.5g) und Obolen (mit einem Gewicht von 1.14g) nach persischem Münzfuß prägte.24 Neben wechselnden Münzbildern auf der Vorderseite erscheint auf der Rückseite das gleiche Münzbild, nämlich die Vorderteile zweier springender Pferde, deren Leiber in der Mitte miteinander verbunden sind. Diverse Monogramme und Magistratsnamen sowie das Ethnikon (vollständig oder abgekürzt angegeben) auf der Rückseite vervollständigen die Münzbilder.

Die Bronzemünzen des 4. und 3. Jhs. v. Chr. folgten dem gleichen ikonographischen Programm des oben genannten Rückseitentyps,25 während das Motiv auf späteren Bronzeemissionen als Beizeichen vorkommt.26 Somit diente das anfängliche Münzbild der zwei Pferde als Emblem für die perinthische Münzstätte. Die Bronzeprägung ab dem 2. bis zum 1. Jh. v. Chr. ist durch wechselnde Typen gekennzeichnet, wobei die Typen aus der griechisch-römischen Götterwelt überwiegen. Viele Bronzemünzen wurden mit Götterköpfen auf der Vorderseite und deren Attributen auf der Rückseite geprägt.27

Für das Nominalsystem der Bronzemünzen für die Zeit nach 280 v. Chr. bis zur Mitte des 1. Jh. v. Chr. unterscheidet Schönert-Geiss zwei Gruppen, die aufgrund ihrer Chronologie sowie ihres Gewichts und Durchmessers in zehn weitere Serien untergliedert worden sind (Perinth Serie 1–10).28 Da der Gewichtsunterschied zwischen den beiden Gruppen relativ gering ist (um etwa 1g), bleibt die Frage, ob es sich hierbei um die gleichen Nominalen handelt, offen.29

Zu den besonderen Prägungen gehört die Darstellung der ägyptischen Gottheiten, deren Einfluss ihren Niederschlag in dieser Bronzeserie findet. Ihre frühesten Darstellungen sind auf den autonomen Münzen zu sehen, die in Perinthos unter Ptolemäus IV. Philopator (221-204 v. Chr.) geprägt wurden und von E. Schönert-Geiss zu Recht mit der Besetzung eines großen Teils des thrakischen Küstengebietes durch die Ptolemäer in Verbindung gebracht wurden. Auf der Vorderseite erscheinen die Büsten des Serapis und der Isis hintereinander gestaffelt und auf der Rückseite die Bilder des Gottes Anubis oder des Stiers Apis.30 Diese ägyptischen Typen weisen darauf hin, dass es enge Handelsbeziehungen zwischen Thrakien und Ägypten gab.

Pseudoautonome Prägung

In der römischen Kaiserzeit gab es eine große Anzahl von Bronzemünzen, die anstelle des Kaiserporträts auf der Vorderseite oftmals den Stadtgründer, die Stadtgöttin oder andere Götter oder Halbgötter zeigen. Sie werden deshalb als pseudoautonome Münzen bezeichnet und stellen einen eigenen Komplex römischer Provinzialprägungen dar. Die sog. pseudoautonome Prägung von Perinthos begann wahrscheinlich während der Herrschaft des Claudius.31 Die Masse dieser Prägung gehört in die Mitte des 1. bis Ende des 2. Jhs. n. Chr., eine Zeit in der die Provinzialprägung von Perinthos relativ gering war. E. Schönert-Geiss unterteilte diese Prägung in sechs selbständige Nominale,32 die in Gewicht und Größe den kleinen Nominalen des Provinzialgeldes entsprechen.33

Die pseudoautonomen Serien sind gekennzeichnet durch eine enge thematische Verbindung zwischen Vorder- und Rückseite (z. B. Apollon/Lyra, Demeterkopf/Topf mit Ähren und Mohn, Dionysoskopf/Demeter, Köpfe der Isis und des Serapis/Harpokrates, Anubis usw.). Es scheint so, als würde die Darstellung von Serapis und Isis aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. erneut auftreten und Anubis und Apis sind wieder zu finden. Harpokrates bildete mit Serapis und Isis eine Göttertriade und wurde in verschiedenen thrakischen Städten so auch in Perinthos abgebildet.34 Auf der pseudoautonomen Prägung erscheint auf der Rückseite stets nur das Ethnikon und ab 196 n. Chr. auch der Neokorietitel.

Auf den pseudoautonomen Münzen Perinths werden mythische und historische Elemente der Stadtgründung vermischt. Dabei ist die Darstellung des Herakles besonders interessant. Es scheint, dass Herakles in Perinthos eine besondere Bedeutung einnahm, da ihn die Perinthier als Gründer ihrer Stadt ansahen. Zum ersten Mal wird Herakles ausdrücklich als Gründer genannt, wie der Herakleskopf mit der Legende auf der Vorderseite ΗΡΑΚΛΗϹ ΚΤΙϹΤΗϹ oder ΤΟΝ ΚΤΙϹΤΗN uns verrät.35 Der Zusatz „Ionon“ (ΙΩΝΩΝ ΤΟΝ ΚΤΙϹΤΗ und ΙΩΝΩΝ)36 verweist auf den ionischen Ursprung der Stadt. Später mit der Prägung von Severus Alexander und weniger von Gordian III. wird der ionische Ursprung durch das Hinzufügen von ΙΩΝΩΝ auf der Rückseitenlegende wieder betont.37

Beachtenswert ist der Münztyp der Hera von Samos. Das Rückseitenmotiv spielt mit der Darstellung der Statue der Hera auf die Gründung der Stadt Perinthos an, die eine Kolonie der Insel Samos war. Hier steht Hera auf einer Prora, die als Symbol für die Überfahrt der Göttin von Samos nach Perinthos steht.38 Der gleiche Münztyp taucht auf den Münzen von Nero und Octavia wieder auf, da allerdings ohne Prora.39

Ebenso nennenswert ist die Darstellung des Heros von Perinthos mit der Legende ΠEPINΘOC auf der Vorderseite. Er erscheint sowohl auf der Rückseite der Münzen des Marcus Aurelius40 als auch auf der pseudoautonomen Prägung.41

  1. Die Datierung erfolgt aufgrund von stilistischen Kriterien. Siehe Schönert-Geiss 1965,13. ↑

  2. CN_Type890; CN_Type891; CN_Type892; CN_Type893. ↑

  3. CN_Type894; CN_Type895; CN_Type2037; CNType896; CN_Type900; CN_Type2038; CN_Type905; CN_Type2039; CN_Type2040; CN_Type951; CN_Type952; CN_Type953; CN_Type2035; CN_Type3416. ↑

  4. CN_Type906; CN_Type2045; CN_Type910; CN_Type2041; CN_Type2042; CN_Type2043; CN_Type2044; CN_Type938; CN_Type2045; CN_Type2047; CN_Type2048; CN_Type2049; CN_Type2050; CN_Type2051; CN_Type2052; CN_Type956. Dasselbe Motiv erscheint als Beizeichen auch auf den Alexander-Lysimachosmünzen. ↑

  5. CN_Type956; CN_Type957; CN_Type960; CN_Type961. ↑

  6. Schönert-Geiss 1965, 27. Serien 1–10. ↑

  7. Gruppe 1: kleineres Nominal mit einem Durchmesser von 18-19 mm und einem Gewicht von ca. 5–6 g, größeres Nominal 20–21 mm, 7–8 g; Gruppe 2: kleineres Nominal mit einem Durchmesser von 18–19 mm und einem Gewicht von ca. 4 g, größeres Nominal 20–21 mm, 6–6,5 g. ↑

  8. CN_Type910; CN_Type2041; CN_Type2042; CN_Type2043; CN_Type2044; CN_Type938; CN_Type2046; CN_Type2047; CN_Type2048; CN_Type2049; CN_Type2050; CN_Type2051; CN_Type2052; CN_Type951. ↑

  9. Schönert-Geiss hat eine Reihe von pseudoautonomen Münzen auf die Zeit von Claudius und Nero datiert. Die Chronologie ist jedoch nicht sicher. ↑

  10. Pseudoautonome Gruppen 1–6. ↑

  11. Schönert-Geiss 1965, 32–33. ↑

  12. CN_Type1347; CN_Type1348. ↑

  13. CN_Type1366; CN_Type1369; CN_Type1372; CN_Type1384; CN_Type1383; CN_Type2087; CN_Type1418; CN_Type1477. ↑

  14. CN_Type1381; CN_Type2342; CN_Type1386; CN_Type1387; CN_Type1417; CN_Type2089; CN_Type2088; CN_Type1457; CN_Type1460. ↑

  15. CN_Type3145; CN_Type3065; CN_Type3083; CN_Type3119; CN_Type3121; CN_Type3131; CN_Type3134; CN_Type3138. ↑

  16. CN_Type1044; CN_Type1490. ↑

  17. CN_Type1494. Weitere Hera-Typen: CN_Type1041 und auf den Münzen von Sabina: CN_Type1633. ↑

  18. CN_Type2435: dort Legende ΠΕΡΙΝΘΙΩΝ. ↑

  19. CN_Type2435; CN_Type1371. ↑

Bibliographie

  • Burell 2004 = B. Burell, Neokoroi, Greek Cities and Roman Emperors (Cincinnati 2004), S. 236–242.
  • Hoover 2017 = O.D.Hoover, Handbook of Coins of Macedon and Its Neighbors. Part II: Thrace, Skythia, and Taurike, Sixth to First Centuries BC, The Handbook of Greek Coinage Series, Volume 3 (Leiden/Lancaster 2017).
  • Leschhorn 1998 = W. Leschhorn, Griechische Agone im Makedonien und Thrakien in: U. Peter (Hrg.), Stephanos nomismatikos, Edith Schönert-Geiss zum 65. Geburtstag (Berlin 1998), 408–415.
  • Raycheva 2015 = M. Raycheva, The Imperial Cult in Perinthos in Archeologia Bulgarica XIX, 2, 2015, 23–34.
  • RPC I 1992 = A. Burnett u.a., Roman Provincial Coinage. Vol. 1: From the Death of Caesar to the Death of Vitellius: 44 BC–AD 69 (London 1992).
  • RPC II 1999 = A. Burnett u.a., Roman Provincial Coinage. Vol. 2: From Vespasian to Domitian (AD 69–96) (London 1999).
  • RPC III 2015 = M. Amandry u.a., Roman Provincial Coinage. Vol. 3: Nerva, Trajan and Hadrian (AD 96–138) (London/Paris 2015).
  • RPC IV = V. Heuchert, Roman Provincial Coinage IV online (temporary), [https://rpc.ashmus.ox.ac.uk/].
  • Schönert-Geiss 1965 = E. Schönert-Geiss, Die Münzprägung von Perinthos (Berlin 1965).
  • Schönert-Geiss 1999 = E. Schönert-Geiss, Bibliographie zur antiken Numismatik Thrakiens und Mösiens (Berlin 1999).
  • Varbanov (Vol. III), 2007 = I. Varbanov, Greek Imperial Coins. And Their Values, Vol. 3: Thrace (from Perinthus to Trajanopolis) (Bourgas 2007).

Karte der Münzstätten mit Typologie


Legende
Münzstätte
Fund
Fundort