Münzstätten
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- Name: Kardia
- Moderner Name: -
- Nomisma-ID: cardia
- Nomisma-Region: thracian_chersonesus
Inhalt
Verknüpfte Datensätze
Topographie und Geschichte
Kardia war eine bedeutende Stadt am Nordende der bzw. dem Zugang zur Chersones, deren genaue Lokalisierung bis heute aussteht.1 Sie befand sich auf der Nordseite, westlich des Golfes von Melas,2 vermutlich in der Nähe des späteren Lysimacheia.3 Die Stadt selbst war durch Mauern befestigt und bildete einen Endpunkt der Mauer des Miltiades, die die Halbinsel vor den Einfällen thrakischer Stämme schützen sollte.4
Kardia war ursprünglich eine Kolonie von Milet und Klazomenai und wurde im 7. Jh. v. Chr. gegründet.5 Wohl gegen 556/5 v. Chr., kamen Siedler aus Athen mit Miltiades d. Ä. in die Stadt. Geschichte und Machtverhältnisse in Kardia waren sehr wechselhaft; so war Kardia zeitweise im 5. Jh. v. Chr. unter persischer Herrschaft, gehörte in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. dem Einflussbereich Athens an und war während des Peloponnesischen Krieges Stützpunkt der attischen Flotte. Nach der Niederlage Athens war Kardia - wie die Chersones - eine Zeitlang unter odrysischer Herrschaft des Kotys I. und seines Sohnes Kersobleptes.6 Nach dessen Vertreibung widersetzte sich Kardia der Ansiedlung attischer Kleruchen und stellte sich gegen Athen auf die Seite des Philipp II. Nach dem Tod des Alexander d. Gr. wurde die Stadt von dem Tyrannen Hekataios regiert.7 Aus Feindschaft zu diesem war Eumenes an den Hof Alexanders des Gr. als Sekretär gegangen. Kardia wurde wahrscheinlich 309 v. Chr. von Lysimachos zerstört8 und seine Bevölkerung in die nahe gelegenen Neugründung Lysimacheia zwangsumgesiedelt.9
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Tzvetkova 2009, 33, Lokalisierung am Kap Bakla Burun. ↑
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Ps. Skylax 67. ↑
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Ps. Skymnos 699; Demosthenes XXIII 182. ↑
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Isaac 1986, 166. Hdt VI, 36, 3. ↑
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Tzvetkova 2009, 33, ca. 644/640 v. Chr. ↑
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Demosthenes, XXIII, 181; Tzvetkova 2009, 33. ↑
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Diodor 18.14.4; Plutarch, Eumenes 3. ↑
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So Pausanias I,9.8, jedoch Plinius, NH 4.11.40. ↑
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Hoover 2017, 110. ↑
Prägesystem und Typologie
Vor Start der autonomen Münzprägung wird vermutet, dass die Stadt fremde Bronzemünzen mit einem Stern als Zeichen Kardias gegenstempelte.10 Die Stadt prägte nach J. Tzvetkova eigene Bronzemünzen von der Mitte des 4. Jh. v. Chr., dem Ende der odrysischen Kontrolle des Gebiets, bis zur Zerstörung 309 v. Chr.
J. Tzvetkova, die 2009 eine Stempelstudie von Kardia vorlegte,11 datiert die gesamte Prägung in die Jahre 357/346-309 v. Chr.12 Sie unterscheidet drei Nominalstufen: das größte Nominal A hat einen Durchmesser von 18–22 mm und eine Gewicht von 5,9–8,14 g, das mittlere Nominal B einen Durchmesser von 13–18 mm und ein Gewicht von 2,6–3,8 g. und das kleinste Nominal C schließlich einen Durchmesser von 9–14 mm und ein Gewicht von 1,5–1,68 g.13
Die Hauptmotive der Prägung der Stadt sind mit Demeter verbunden; ein Demeterkopf im Profil oder in Dreiviertelansicht erscheint auf den Vorderseiten der größeren Nominale A und B.14 Meist tragen deren Rückseiten das Bild eines Löwen, der steht bzw. läuft oder gelegentlich einen Speer mit Klauen und Kiefer zerbricht. Das Münzbild des stehenden oder laufenden Löwen wurde vermutlich von den Münzen der Mutterstadt Milet übernommen und soll die Wurzeln Kardias betonen, während der Speer brechende Löwe makedonische Bezüge aufweist.15 Nominal B zeigt den Löwen als Protome wohl um die Nominalstufe wiederzugeben.16 Im Abschnitt unter dem Löwen erscheint meist ein Getreidekorn, daneben gelegentlich weitere Beizeichen. Im kleinsten Nominal C rückt der Löwe ganz oder nur als Kopf auf die Vorderseite der Münzen während die Rückseite wiederum das Abschnittsbild der größeren Nominale, das Getreidekorn, neben Ähren und Ährenkranz zum Hauptbild macht.17 Einzig ein neuer, J. Tzvetkova noch nicht bekannter Typ, wiederholt die Motive der großen Nominale in Nominalstufe C.18 Der Stadtname erscheint stets auf den Rückseiten; anhand seiner Schreibung unterscheidet J. Tzvetkova Subtypen,19 genau wie anhand der Verwendung verschiedener Beizeichen.
Münzen von Kardia wurden bei den Ausgrabungen von Zone, Abdera, Thasos, Constantia, Pistiros, Olbia und Seuthopolis gefunden.20
Es wird angenommen, dass die Silbermünzen mit Athenakopf und Löwe sowie die späteren Hemidrachmen mit der Aufschrift XEP, eine Art Gemeinschaftsprägung der thrakischen Chersones, die ebenfalls einen Löwen zum Motiv hat, ebenso in Kardia geprägt wurden.21
Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.
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Jurukova 1992, 73. ↑
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Tzvetkova 2009, 36 mit Hinweis auf ihr nicht zugängliche Stücke. ↑
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Kürzlich unternahm S. Psoma (Psoma forthcoming) eine chronologische Feingliederung der Serie, welche sie mit den kleinen Nominalen starten lässt. Sie plädiert für einen Prägebeginn in den späten 350er Jahren v. Chr. ↑
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Vgl. auch Psoma (forthcoming), zu einer Neubewertung und Umbenennung der Nominale: sie nennt das kleinste Nominal Chalkous, dann folgt das Tetartemorion und als größtes Nominal der Hemiobol. ↑
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Gelegentlich auch als Persephone beschrieben. S. Psoma schlug kürzlich vor, den Kopf als Personifikation der lokalen Nymphe Kardia zu interpretieren, da die Darstellung von Ortspersonifikationen durch Nymphen in der Münzprägung des 4. Jhs. v. Chr. weit verbreitet sei. Psoma (forthcoming). ↑
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Weiterhin gibt es Parallelen zur Münzprägung des Amyntas III. und Perdikkas III., die ebenfalls den Speer brechenden Löwen zeigen. ↑
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CN_Type448; CN_Type454; CN_Type466; CN_Type4194; CN_Type478; CN_Type2011. ↑
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CN_Type479; CN_Type480; CN_Type481; CN_Type482; CN_Type483; CN_Type484; CN_Type485; CN_Type1990; CN_Type1991. ↑
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Tzvetkova 2009, 39: ΚΑΡ, ΚΑΡΔΙΑ, ΚΑΡΔΙΑΝΟΣ, ΚΑΡΔΙΑΝΩΝ, ΚΑΡ−ΔΙΑ, ΚΑΡΔΙ−ΑΝΩΝ. ↑
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Tzvetkova 2009, 36. ↑
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Tzvetkova 2009, 38. ↑
Bibliographie
- Hoover 2017 = O.D. Hoover, Handbook of Coins of Macedon and Its Neighbors. Part II: Thrace, Skythia, and Taurike, Sixth to First Centuries BC, The Handbook of Greek Coinage Series 3 (Lancaster/London 2017), S. 110–113.
- Isaac 1986 = B. Isaac. The Greek Settlements in Thrace Until the Macedonian Conquest (Leiden 1986), S. 187–188.
- Jurukova 1992 = J. Jurukova, Monetite na trakijskite plemena i vladeteli/ Монетите на тракийските племена и владетели, (Sofia 1992), S. 73.
- Psoma Forthcoming = S. Psoma, The Bronze Coinage of Cardia, (TOPOI Publications, forthcoming).
- Schönert-Geiss 1999 = E. Schönert-Geiss, Bibliographie zur antiken Numismatik Thrakiens und Mösiens, (Berlin 1999), S. 1419–1433.
- Tzvetkova 2009 = J. Tzvetkova, The Coinage of Kardia, Archaeologia Bulgarica 13, 33–54.