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Die Münztypologie von

Imbros

Topographie und Geschichte

Die Insel Imbros (heute Gökçeada in der türkischen Provinz Çanakkale) liegt vor der türkischen Küste der antiken Landschaft Troas und der thrakischen Chersonesos, zwischen den beiden thrakischen Inseln Samothrake im Norden und Lemnos im Süden. Strategische Bedeutung besitzt sie durch ihre Lage am Eingang der Dardanellen. Ursprünglich sei sie von den Stämmen der Pelasger oder Tyrrhenoi besiedelt gewesen.1 Jedoch seit 500 v. Chr. bis in die mittlere Kaiserzeit war Imbros athenisch und in Art einer Kleruchie organisiert.2 Als Mitglied des attisch-delischen Seebundes zahlte sie Beiträge zwischen 3300 Drachmen und einem Talent.

Auf Imbros gab es ein Heiligtum der Kabiren, dessen archäologische Reste sich heute in der Nähe des Ortes Roxado im Nordosten der Insel finden lassen.3 Inschriftlich belegt ist für Imbros der Kult des Orthanes, eines Hermes-Sohnes, den B. Ruhl mit der auf den Münzen auftretenden ityphallischen Gottheit identifizieren möchte.4 Auch findet sie Zeugnisse für einen Demeter- und/oder Persephone-Kult, was eventuell zur Deutung des auf den Münzen dargestellten Göttinnenkopfes beitragen kann.5

  1. Ruhl 2018, 30–32.145. ↑

  2. Hierzu ausführlich Ruhl 2018, 33–38.99–105. ↑

  3. Ruhl 2018, 107–120. ↑

  4. Ruhl 2018, 212. ↑

  5. Ruhl 2018, 124. ↑

Prägesystem und Typologie

Die Forschungslage zur Münzprägung der Insel ist spärlich: Neben einigen wenigen Aufsätzen und Erwähnungen in Überblickswerken widmete erstmals B. Ruhl kürzlich im Rahmen einer archäologischen Aufarbeitung der Insel Imbros und ihrer Denkmäler der Münzprägung einen summarischen Gesamtüberblick.

Wenige Münzen, ausschließlich in Bronze, wurden auf der Insel von der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. bis in die römische Kaiserzeit geprägt.

B. Ruhl identifiziert elf Münztypen, wobei sie lediglich nach unterschiedlichen Vorder- und Rückseitenmotiven unterscheidet, dabei aber einräumt, dass ihre Typen teils über mehrere Jahrhunderte laufen. Diese Typologie wurde hier als Grundgerüst verwendet und weiter differenziert. Die Motivik der Münzen von Imbros bewegt sich hauptsächlich in drei Motivbereichen. Der erste Motivbereich gibt lokale Bezüge wieder; so findet sich nach B. Ruhl häufig die Darstellung des auf der Insel verehrten Orthanes, eines Hermes-Sohnes, der mit dessen distinktivem Attribut, dem Kerykeion, verbunden und ityphallisch dargestellt auf den Münzrückseiten erscheint. Einen lokalen Bezug hat wohl ebenfalls die Darstellung von Piloi auf den Rückseiten kaiserzeitlicher Münzen. Nach B. Ruhl sind diese Kappen, die sowohl auf die Dioskuren wie auf die Kabiren verweisen können, auf den Mysterienkult der Kabiren auf Imbros zu beziehen. Weiterhin finden sich auf die athenische Kleruchie bezogene Motive wie der Athenakopf und die Eule6 , neben ‘allgemein’ verwendeten Motiven wie Apollon, Tyche und Artemis sowie einer Heuschrecke.7

Aus der Kaiserzeit sind bisher Typen mit dem Porträt des Augustus bekannt geworden.8 Sein Bild wird mit den Rückseitenmotiven einer Herme,9 eines Apollonkopfes10 und mit der Darstellung eines Kerykeions zwischen zwei Piloi verbunden.11 Des Weiteren sind wohl viele Typen als sogenannte pseudo-autonome Münzen der römischen Kaiserzeit zuzuweisen. Diese zeigen alle auf der Vorderseite einen Athenakopf bzw. -büste nach rechts und auf den Rückseiten variierende Motive.12

Weil die Münzprägung von Imbros bislang keine detaillierte numismatische Aufarbeitung erfahren hat, sind alle hier vergebenen Datierungen der autonomen Zeit eventuell zu revidieren.13 Weiterhin ist damit zu rechnen, dass sich die Anzahl der Typen der Münzprägung von Imbros noch erhöhen wird.14

Funde von Münzen von Imbros wurden auf der Athener Agora, im Chaidari-Hort,15 im Kabirenheiligtum von Lemnos und in Abdera gemacht.16

Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.

  1. Imhoof-Blumer 1882, 146–149. ↑

  2. CN_Type6948. ↑

  3. CN_Type6950; CN_Type8742; CN_Type6951; CN_Type6955; CN_Type6953. ↑

  4. CN_Type6955; CN_Type8742. ↑

  5. CN_Type6950; CN_Type6956. ↑

  6. CN_Type6953; CN_Type6955. ↑

  7. CN_Type8715; CN_Type8714; CN_Type8712; CN_Type8710; CN_Type8716; CN_Type8722; CN_Type8720; CN_Type8723; CN_Type8728; CN_Type8735. ↑

  8. Ruhl 2018, 283, zu weiteren Münzen, die evtl. Imbros zuzuweisen sind. ↑

  9. Bislang nicht aufgenommen wurde z.B. eine in der Datenbank der ANS beschriebene Münze mit einem Athenakopf auf der Vorderseite und Artemiskopf auf der Rückseite. http://numismatics.org/collection/1944.100.16648?lang=de ↑

  10. IGCH 0342. ↑

  11. Ruhl 2018, 23.139. ↑

Bibliographie

  • Poole 1877 = R. S. Poole (Hrsg), A Catalog of the Greek Coins in the British Museum, The Tauric Chersonese, Sarmatia, Dacia, Moesia, Thrace, etc. (London 1877) S. 211–212 Nrn. 1–10.
  • Imhoof-Blumer 1882 = F. Imhoof-Blumer, Münzen der Kleruchen auf Imbros, Deutsches Archäologisches Institut Abteilung Athen: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung, 7, 1882, S. 146–149.
  • Gorini 1998 = G. Gorini, Le monete di Imbros dal santuario dei Cabiri a Lemno, in: U. Peter (Hrsg.), stephanos nomismatikos. Edith Schönert-Geiss zum 65. Geburtstag, 1998, S. 295–300.
  • Hoover 2010 = O. D. Hoover, Handbook of Coins of the Islands, The Handbook of Greek Coinage Series Vol. 6, S. 65–66, Nr. 276–279, 2010.
  • Kroll 1993 = J. Kroll, The Athenian Agora 26 (1993) S. 178.
  • Burnett et al. I = A. Burnett - M. Amandry - P.P. Ripollès, Roman Provincial Coinage I: From the death of Caesar to the death of Vitellius (44 BC–AD 69). (London, 1992 and supplements) 316f.
  • Ruhl 2018 = B. Ruhl, Imbros. Archäologie einer nordostägäischen Insel, Marburger Beiträge zur Archäologie 5 (Marburg 2018).
  • Schönert-Geiss 1999 = E. Schönert-Geiß, Bibliographie zur antiken Numismatik Thrakiens und Moesiens. Berlin 1999 (Griechisches Münzwerk) S. 1501–1512.

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