Münzstätten
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- Name: Deultum
- Moderner Name: -
- Nomisma-ID: deultum
- Nomisma-Region: inland_cities_of_thrace
Inhalt
- Topographie und Geschichte
- Forschungsstand
- Prägesystem und Typologie
- Chronologie
- Besonderheiten der Prägung
- Bibliographie
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Verknüpfte Datensätze
Topographie und Geschichte
Deultum ist die einzige münzprägende römische Veteranenkolonie südlich des Balkans.1 Die Stadt ist an der Schwarzmeerküste am heutigen Fluss Sredetska2 in einem Sumpfgebiet in der Bucht von Burgas3 gelegen und befindet sich unweit des Strandzhagebirges.4 In unmittelbarer Nähe der antiken Ruinenstadt liegt das heutige Dorf Debelt.5 Der ältere Plinius erwähnt Deultum zusammen mit anderen thrakischen Küstenstädten in seiner Naturgeschichte;6 Ptolemaios zählt Deultum trotz seiner Lage an der Schwarzmeerküste zu den thrakischen Binnenstädten.7 Durch Deultum führt die via diagonalis, eine Hauptverkehrsstraße, die Rom und Byzantion miteinander verbindet.8
Gegründet wurde Deultum unter der Herrschaft des Vespasian durch die Ansiedlung von Veteranen der legio VIII Augusta.9 Es ist anzunehmen, dass sich die Veteranenkolonie auf dem Gebiet oder in unmittelbarer Nähe einer älteren thrakischen Siedlung befand.10 Die ersten Münzen wurden während der Regierungszeit Traians geprägt11 und datieren in das Jahr 100 n. Chr.12 Anlass dafür könnte das dreißigjährige Jubiläum der Stadtgründung gewesen sein.13 Im 2. Jahrhundert ist, abgesehen von einigen Befestigungsmaßnahmen unter Antoninus Pius, kaum etwas über die Stadt bekannt.14 Ausweislich des numismatischen Befundes dürfte Deultum schließlich im frühen dritten Jahrhundert einen zivilisatorischen Höhepunkt erreicht haben, was wohl insbesondere der Qualität der Straßen sowie der Existenz eines Hafens zu verdanken ist.15 Eine Reihe von Forschern erachtet es als möglich, dass sich Caracalla, Diadumenian, Gordian III und Philippus Arabs kurzzeitig auch in Deultum aufgehalten haben.16 Seit dem Jahr 212 n. Chr., also nach der Ermordung Getas und dem Beginn der Alleinherrschaft Caracallas, lässt sich eine regelmäßige und kontinuierliche Prägetätigkeit in Deultum greifen.17 Der Einfall von gotischen Stämmen in Thrakien und Mösien im Jahr 248 n. Chr. bedeutete dann allerdings einen tiefen Einschnitt in das Wirtschaftsleben und setzte schließlich auch der Münzprägung in Deultum ein vorzeitiges Ende.18
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Jurukova 1973, 1. ↑
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Draganov 2007, 149. ↑
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Oberhummer 1903, Sp.260. ↑
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Jurukova 1973, 4. ↑
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Jurukova 1973, 1 ↑
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Nat. Hist. IV 45. ↑
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Ptol. III 11,7. ↑
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Draganov 2007, 32. ↑
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Draganov 2007, 24; Jurukova 1973, 2; Varbanov (II) 2005, 187. ↑
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Draganov 2007, 24; Jurukova 1973, 2. ↑
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Draganov 2007, 25; Jurukova 1973, 18. ↑
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Draganov 2007, 25; 30. ↑
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Draganov 2007, 30; Jurukova 1973, 9f. ↑
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Draganov 2007, 31-34. ↑
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Draganov 2007, 32. ↑
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Draganov 2007, 32. ↑
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Draganov 2007, 34. ↑
Forschungsstand
Erste Stempelstudien wurden bereits von J. Jurukova im Jahr 1973 und von D. Draganov19 im Jahr 2007 durchgeführt. Im Rahmen unserer Typenerfassung konnten zusätzlich Typen ergänzt werden, insbesondere durch Münzen aus dem Handel, die noch nicht in den Studien von J. Jurukova und D. Draganov berücksichtigt wurden.
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Aufbauend auf einem im Jahr 2005 publizierten Band zu Deultum in der Reihe Sylloge Nummorum Graecorum. ↑
Prägesystem und Typologie
Deultum prägte die ersten Münzen unter Traian. Es schließt sich eine längere Prägelücke an, die bis in die severische Zeit reicht. Die anschließende Prägetätigkeit der Münzstätte in Deultum war auf eine Zeitspanne von knapp vierzig Jahren beschränkt und kam schließlich unter Philippus Arabs zum Erliegen.20
Wie auch in anderen thrakischen Städten der römischen Kaiserzeit wurde in Deultum ausschließlich in Bronze geprägt. Abgesehen von einem Medaillon, das nachweislich als Fälschung gilt,21 unterscheidet man zwei Nominale, die wir als „Vierer“ und „Zweier“ bezeichnen.22 Dabei stellt das kleine Nominal eher die Ausnahme dar, was sich auch in der deutlich geringeren Anzahl an Typen widerspiegelt. Das größere Nominal (Ø: 21-25 mm; Gewicht: 3-5 g) ist am römischen dupondius orientiert, das kleinere (Ø: 18-20 mm; Gewicht: 6-11 g) am römischen as.23
Chronologie
Unter Traian wurde nur ein einziger Typ geprägt: Die diesem Typ zugehörigen Zweier zeigen das Kaiserporträt mit Lorbeerkranz und mit überaus umfangreicher Kaisertitulatur auf dem Avers und einen Stierkopf mit der Umschrift C F P D auf dem Revers.24
Nach der erwähnten Prägelücke finden sich erst wieder Münzen, die für Iulia Domna und für Caracalla geprägt wurden. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Vierer.25 Die Anzahl an Revers-Motiven auf den Münzen mit einem Porträt der Iulia Domna auf dem Avers ist überschaubar: Die Rückseiten dieser Typen zeigen Artemis, Athena, Homonoia, Hygieia, Marsyas, die kapitolinische Wölfin mit Romulus und Remus und einen Tempel mit einer Kultstatue des Herakles. Die unter Caracalla geprägten Münzen weisen hingegen eine größere Bandbreite an Rückseitenmotiven auf; ferner kommen unterschiedliche Porträtformen auf dem Avers zur Anwendung: Neben Brustbildern des Kaisers mit Lorbeerkranz oder Strahlenkrone und Blickrichtung nach rechts gibt es auch Typen, die den Kaiser mit Schild und Speer sowie einen Lorbeerkranz und Blickrichtung nach links zeigen.26
Unter Macrinus wurden ausschließlich Münzen geprägt, deren Avers entweder den Kaiser selbst mit einer Strahlenkrone oder den bloßen Kopf seines Sohnes Diadumenian zeigen. Dabei ist vor allem auch die Vielzahl an Typen mit Kaiserdarstellungen auf dem Revers zu betonen, was womöglich auf einen Aufenthalt des Kaisers respektive seines Sohnes in Deultum anspielen könnte.27 Unter Severus Alexander und Iulia Mamaea wurde das ikonographische Repertoire um weitere Rückseitenmotive ergänzt: So stellt beispielsweise die Abbildung der Kybele ein Novum dar.28 Darüber hinaus begegnen uns zahlreiche Münztypen mit Darstellungen von Tempeln und Kultbildern auf dem Revers, was einige Rückschlüsse auf das religiöse Leben in Deultum zulässt und auch Spekulationen über intensive Bautätigkeit in der Stadt erlaubt.29
In der Folgezeit entstand unter Maximinus Thrax, Gordian III. und Philippus Arabs, den Caesaren Maximus und Philippus II. sowie den Kaisergattinnen Tranquillina und Otacilia Severa eine weite Palette mit verschiedenen Typen, was beredtes Zeugnis über die rege Prägetätigkeit in Deultum ablegt. Dabei nimmt die Anzahl an Dreiern beträchtlich zu, was einerseits die Einführung einer Vielzahl neuer Bildmotive bedingt, andererseits aber auch dazu führt, dass dieselben Bildmotive auf zwei unterschiedlichen Nominalen erscheinen. Das Repertoire an Motiven wird insgesamt stark erweitert: Hier sind beispielsweise ein neuer Dionysos-Typus unter Philippus Arabs30 und eine neue Variante der Kaiserdarstellung unter dem Caesar Philippus II. zu nennen.31 Ferner tritt unter Maximinus Thrax erstmals das Bildmotiv eines in der Forschung unterschiedlich gedeuteten konisch geformten Objektes in Erscheinung.32 Doch auch alte Motive, wie etwa der unter Traian verwendete Stierkopf, treten erneut in Erscheinung.33 Weiterhin sind in Hinblick auf die Auswahl der Götterdarstellungen eindeutige Akzentverschiebungen zu verzeichnen: So erfreut sich etwa Serapis zunehmender Beliebtheit,34 der bezeichnenderweise auch als Kultbild in einem Tempel dargestellt wird.35 Ferner scheinen die unterschiedlichen Büsten auf dem Avers – ob mit Lorbeerkranz oder Strahlenkrone, ob mit Blickrichtung nach rechts oder Blickrichtung nach links und Schild und Speer in den Händen – häufig als Mittel der Variation eingesetzt zu werden. Dadurch können dieselben Rückseitenstempel mit verschiedenen Vorderseitenstempeln kombiniert werden. Insbesondere in der Münzprägung des Philippus Arabs ist dieser Trend unverkennbar.
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Draganov 2007, 46; Jurukova 1973, 22. ↑
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Draganov 2007, 52; Jurukova 1973, 23. ↑
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Jurukova 1973, 23. ↑
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Jurukova 1973, 24. ↑
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Jurukova 1973, 25. ↑
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CN_Type114; CN_Type160; CN_Type1039; CN_Type1077; CN_Type1078; CN_Type1136; CN_Type1137; CN_Type1216; CN_Type1217; CN_Type1269; CN_Type1271; CN_Type3584. ↑
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Jurukova 1973, 24. ↑
Besonderheiten der Prägung
Wie bei alle römischen Kolonien tragen auch die Münzen von Deultum Legenden in lateinischer Sprache.36 In der Avers-Legende wird die Herrschertitulatur in unterschiedlichen Varianten angegeben, und zwar, mit einer einzigen Ausnahme,37 immer im Nominativ. Verglichen mit anderen Münzstätten sind bei diesen lateinischen Legenden Ligaturen überaus selten – so wird nur bei Otacilia Severa mitunter ihr Augusta-Titel in einer Ligatur zusammengezogen. Aus dem Rahmen fällt die Avers-Legende des einzigen unter Traian geprägten Münztyps, in der neben dem Augustus-Titel und den geläufigen Attributen auch der abgekürzte Siegesname GERM, die Inhaberschaft des Oberpriesteramtes (P M = pontifex maximus), die tribunicia potestas, die Konsulatszählung und der Ehrentitel P(ater) P(atriae) angeführt werden. In der Umschrift auf dem Revers wird beim größeren Nominal der Stadtname wie folgt abgekürzt: COL FL PAC DEVLT. Beim kleineren Nominal sind in der Regel nur die jeweiligen Initialen des Toponyms angegeben, sodass die Legende wie folgt lautet: C L P D. Die Bezeichnung Flavia ist eine eindeutige Hommage an Vespasian, den Begründer der Kolonie, der Titel Pacis könnte als Reminiszenz an die Beendigung des nach Neros Selbstmord ausgebrochenen Bürgerkriegs durch Vespasian zu verstehen sein.38
Neben den allgemein gängigen Götter- und Halbgötterbildern sowie Personifikationen und Kaiserdarstellungen auf dem Revers der Münzen aus Deultum sind einzelne signifikante Motive gesondert hervorzuheben: Auf einigen Zweiern findet sich ein Stierkopf, das Symbol der legio VIII Augusta.39 Anklang an die Stadtgründung findet sich auch in der mehrfach bezeugten Darstellung des hinter einem Pflug stehenden Stadtgründers als Priester oder Ackerbauer:40 Hier wird auf die Entstehung des sulcus primigenius der Kolonie konkret Bezug genommen. Außerdem sind Münztypen hervorzuheben, deren Revers den Satyr Marsyas mit erhobener Rechten und Weinschlauch im linken Arm zeigen. Es handelt sich dabei sowohl um ein geläufiges Symbol der Freiheit der Stadt und der selbstständigen Gemeindeverwaltung41 als auch um eine Betonung des ius Italicum und der damit verbundenen Steuerfreiheit.42
Daneben finden sich einige genuin römische Bildmotive, wie etwa die kapitolinische Wölfin, die Romulus und Remus säugt,43 die kapitolinische Trias44 oder der römische Adler mit einem Kranz im Schnabel.45 Besonders aussagekräftig ist die Darstellung des römischen Adlers zwischen zwei vexilla.46 Die zwei vexilla treten bei einem Münztyp aus der Regierungszeit des Gordian auch isoliert ohne Adler in Erscheinung.47 Darüber hinaus ist auch die Vielzahl an Kaiserdarstellungen auf dem Revers von Münzen in unterschiedlichen Variationen zu betonen.48
Manche Münzbilder lassen wirtschaftsgeschichtliche Rückschlüsse und Vermutungen zu: Bemerkenswert ist die Darstellung des bereits erwähnten, unterschiedlich gedeuteten konischen Objektes, das von J. Jurukova als Bienenkorb und von D. Draganov als Brunnen respektive als Meta Sudans interpretiert wird,49 aber auch einen nicht näher bestimmbaren und anderweitig unbekannten Kultgegenstand darstellen könnte. Trifft die Interpretation von J. Jurukova zu, so ließe sich dieses Objekt unter Umständen als Anspielung auf die Bienenzucht in Deultum interpretieren;50 eine solche Deutung ist allerdings keineswegs zwangsläufig. Schifffahrt und Seehandel spiegeln sich in Prora-und Schiffsdarstellungen wieder; manchmal ist der untere Teil des Schiffes mit Oktopussen und Delphinen geschmückt, was aufgrund der motivischen Übereinstimmung des Münzbilds als Hinweis auf Handelsbeziehungen von Deultum und der Stadt Anchialus aufgefasst werden kann,51 aber ebenso auch durch die Herstellung der Stempel durch denselben Stempelschneider begründet werden könnte. Weiterhin ist in diesem Zusammenhang die Vielzahl an Flussgott-Darstellungen beachtlich;52 mitunter stützt sich der Flussgott auf ein vor ihm befindliches Schiff.53 Außerdem sei auf zwei Münztypen verwiesen, deren Revers Thalassa und den Flussgott Oiskos sowie ein Schiff mit geblähten Segeln zeigt,54 wodurch die wirtschaftlich günstige Lage der Stadt an der Schwarzmeermündung des heutigen Flusses Sredetska betont wird.55
Unser Typenkatalog repräsentiert den Forschungsstand von August 2019 und berücksichtigt keine erst später bekannt gewordenen Münztypen. Weitere Hinweise, insbesondere zu neuen Typen, sind jederzeit willkommen.
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Einzelne Ausnahmen, bei denen griechische Wörter in lateinischen Buchstaben transliteriert werden, sind vorhanden: Bei den Münzen mit dem Brustbild der Tranquillina auf dem Avers findet sich neben dem gewöhnlichen SAB TRANQVILLINA AVG gelegentlich auch die Umschrift SAB TRANQVILLINA SEB. Bei den Münzen mit dem Brustbild der Otacilia Severa auf dem Avers ist bei einigen MünzTypen auch die Schreibweise ihres Namens mit einem aus dem griechischen entlehnten H anstelle des zweiten E verbreitet. Jurukova 1973, 31. ↑
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Draganov 2007, 25; Jurukova 1973, 2. ↑
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Draganov 2007, 43. ↑
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Womöglich auch als Priester zu deuten. Draganov 2007, 100f. ↑
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Jurukova 1973, 35. ↑
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Draganov 2007, 106. ↑
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CN_Type5; CN_Type40; CN_Type100; CN_Type109; CN_Type882; CN_Type885; CN_Type897; CN_Type973; CN_Type1110; CN_Type1111; CN_Type1160; CN_Type1214; CN_Type1215; CN_Type1264; CN_Type1288; CN_Type2225; CN_Type3469; CN_Type3522; CN_Type3534. ↑
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Siehe dazu Draganov 2007, 107. ↑
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CN_Type69; CN_Type97; CN_Type174; CN_Type204; CN_Type210; CN_Type1031; CN_Type7752; CN_Type7753; CN_Type7795; CN_Type7796; CN_Type7910; CN_Type8891. ↑
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Jurukova 1973, 34. ↑
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Jurukova 1973, 24; Draganov 2007, 294, Nr. 756-760. ↑
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Jurukova 1973, 4. ↑
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Draganov 2007, 34. ↑
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CN_Type29; CN_Type64; CN_Type126; CN_Type137; CN_Type928; CN_Type994; CN_Type1086; CN_Type1128; CN_Type1258; CN_Type3472; CN_Type3544; CN_Type3719; CN_Type3720; CN_Type3721; CN_Type3722; CN_Type4122. ↑
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Jurukova 1973, 36. ↑
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Draganov 2007, 149f. ↑
Bibliographie
- Draganov 2005 = D. Draganov, Sylloge Nummorum Graecorum: Bulgaria, Ruse, Bobokov Bros. Collection, Thrace and Moesia Inferior, Vol 1: Deultum (Ruse 2005).
- Draganov 2007 = D. Draganov, The Coinage of Deultum (Sofia 2007).
- Jurukova 1973 = J. Jurukova, Die Münzprägung von Deultum. Text- und Tafelband, Griechisches Münzwerk (Berlin 1973).
- Oberhummer 1903 = E. Oberhummer, Develtos, in: RE V,1, 1903, 260.
- Varbanov (Vol. II) 2005 = I. Varbanov, Greek Imperial Coins. And Their Values, Vol. 2: Thrace. From Abdera to Pautalia (Bourgas 2005).