Die Münztypologie von

Abdera

Topographie und Geschichte

Abdera, das heutige Ávdhira, ist eine südthrakische Küstenstadt in der thasischen Peraia,1 deren Überreste sich auf dem heutigen Kap Bulustra befinden.2 Sie ist zwischen der Mündung des Flusses Nestos und dem See Bistonis zu lokalisieren.3

Abdera firmiert als Gründung der ionischen Stadt Klazomenai im Zuge der Großen Kolonisation im 7. Jahrhundert v. Chr., wobei sich der Name des Oikisten Timesios im kulturellen Gedächtnis der Abderiten erhalten hat.4 Ob dieser Koloniegründung womöglich ein Emporion der Phönizier vorausgegangen ist, gilt in der Forschung als umstritten.5 Über die Frühzeit von Abdera ist angesichts der rudimentären Quellenlage kaum etwas bekannt. Herodot berichtet von einer Vertreibung des Timesios durch die Thraker und von einer späteren Neugründung der Stadt durch Teos,6 was auch durch ein Textzeugnis bei Strabon, der die Stadt als καλὴ Τηίων ἀποικία bezeichnet, bestätigt zu werden scheint.7 Tatsächlich ist angesichts des archäologischen Befundes indes eher davon auszugehen, dass die Kolonisten aus Teos durchaus noch existierende Siedlungsspuren vorfanden, obgleich die ionische Kolonie durch die Kämpfe gegen die Thraker sowie durch eine Malaria-Epidemie allem Anschein nach stark dezimiert wurde.8 Die Übersiedlung eines Großteils der Bevölkerung von Teos wird in der Forschung darauf zurückgeführt, dass diese Siedler offenbar angesichts der Bedrohung durch Kyros II. und seinen Feldherrn Harpagos im Jahr 545 v. Chr. nach Abdera emigriert waren.9 Im ausgehenden 6. Jahrhundert v. Chr. begann auch die wirtschaftliche Blüte der Stadt,10 die mit dem Beginn der Prägetätigkeit Abderas einherging. Während der Perserkriege war Abdera zeitweise unter persischer Herrschaft;11 nach der Niederlage des Xerxes spielte Abdera eine wichtige Rolle im Delisch-Attischen Seebund, was sich in den Tributzahlungen der Abderiten eindeutig niederschlägt.12 In spätklassischer und hellenistischer Zeit scheint Abdera allerdings ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung weitgehend verloren zu haben, was in der althistorischen Forschung mit der einschlagenden Wirkkraft des Raubzugs der Triballer im Jahr 375 v. Chr. und Abderas Integration ins makedonische Königreich in Verbindung gebracht wird.13

  1. Varbanov 2005, 7. ↑

  2. Hirschfeld 1894, 22; Varbanov 2005, 7. ↑

  3. Hirschfeld 1894, 22. ↑

  4. Chryssanthaki-Nagle 2007, 28. ↑

  5. Chryssanthaki-Nagle 2007, 27f. ↑

  6. Herod. 1,168. ↑

  7. Strab. 14,1,30 C 644. ↑

  8. Chryssanthaki-Nagle 2007, 28. ↑

  9. Varbanov 2005, 7. ↑

  10. Hirschfeld 1894, 22. ↑

  11. Hirschfeld 1894, 22. ↑

  12. Ruschenbusch 1983, 143. ↑

  13. Hirschfeld 1894, 22f.; May 1966, 286; Varbanov 2007, 7. ↑

Forschungsstand

Die Münzprägung Abderas klassischer Zeitstellung wurde bereits in einer umfassenden Studie von J. May untersucht,14 die generell auch für unseren Typenkatalog grundlegend ist. Deutlich rezenter ist die Dissertation zur abderitischen Münzgeschichte von K. Chryssanthaki-Nagle, die den gesamten Zeitraum der Prägetätigkeit Abderas vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. abdeckt. Ergänzend dazu werden in unserem Typenkatalog selbstverständlich auch später erschienene Münztypen, die bei J. May und K. Chryssanthaki-Nagle nicht erfasst sind, zusätzlich berücksichtigt.

  1. May 1966. ↑

Prägeablauf und Metrologie

Die Prägetätigkeit Abderas reicht vom späten 6. Jahrhundert v. Chr. bis zur Mitte des 2. Jahrhundert n. Chr., wobei ein eindeutiger Schwerpunkt im 5. und frühen 4. Jahrhundert v. Chr. zu konstatieren ist. Im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. fällt die Prägetätigkeit Abderas sehr überschaubar aus; es scheint in dieser Zeit auch eine Unterbrechung der lokalen Münzprägung gegeben zu haben. Bis zum Ende des 5. Jahrhunderts prägte Abdera ausschließlich in Silber, wohingegen im 4. Jahrhundert sowohl Silber- als auch Bronzemünzen emittiert wurden. In spätklassischer und hellenistischer Zeit wurde fast ausschließlich in Bronze geprägt; spätestens in der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. kam die Silberprägung gänzlich zum Erliegen. Eine kleine Goldemission datiert in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr.15

Der Gewichtsstandard der abderitischen Silbermünzen klassischer Zeitstellung ist in der Forschung umstritten. Unser Typenkatalog folgt nicht der in der älteren Literatur verbreiteten Hypothese, die einen vermeintlichen thrako-makedonischen Münzfuß oder aber einen lokalen abderitischen Münzfuß postuliert,16 sondern orientiert sich an dem neueren Forschungsansatz von S. Psoma, nach dem Abdera im späten 6. und im 5. Jahrhundert zunächst nach dem reduzierten chiotischen und ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. nach dem äginetischen (oder reduziertem äginetischen?) Münzfuß prägte.17

  1. Chryssanthaki-Nagle 2007, 152ff. ↑

  2. Dazu May 1966, 4ff. ↑

  3. Psoma 2015, 179ff. ↑

Klassische Zeit

Vom späten 6. Jahrhundert v. Chr. bis in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurden Silbermünzen in verschiedenen Nominalen emittiert, deren Vorderseiten einen nach links stehenden, sitzenden oder springenden Greif und deren Rückseiten ein vierfach geteiltes quadratum incusum zeigen. Bei einigen Typen sind verschiedene Beizeichen, Monogramme oder Legenden, die als Abkürzungen von Magistratsnamen zu verstehen sind, unter der erhobenen Vorderpfote des Greifs oder auch an anderen Stellen der Münzvorderseiten erkennbar. Auf den Rückseiten mancher Münztypen, die in das zweite Viertel des 5. Jahrhunderts v. Chr. datieren, sind verschiedene Bildmotive wie eine Stierprotome18 oder ein Löwenskalp19 im quadratum incusum abgebildet.

Einige etwas später datierende Münzen aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhundert v. Chr. zeigen bei weitestgehend unveränderter Vorderseitenikonographie auf ihren Rückseiten jeweils verschiedene Magistratsnamen als Umschrift eines Linienquadrats, eingebettet in ein quadratum incusum. Dabei werden in manchen Fällen innerhalb der Linienquadrate verschiedene Bildmotive wiedergegeben, in anderen Fällen wird gänzlich auf das Linienquadrat verzichtet, sodass auf den Münzrückseiten verschiedene Bildmotive innerhalb einer Legende, die den Magistratsnamen wiedergibt, dargestellt sind. Etwas aus dem Rahmen fallen zwei Typen, deren Rückseiten einen Delphin in einem gepunkteten Quadrat zeigen.20 Ab dem frühen 4. Jahrhundert wird auf den Münzvorderseiten einiger Typen das Ethnikon wiedergegeben.

Die frühen Bronzemünzen des 4. Jahrhunderts unterscheiden sich von den Silbermünzen dieser Zeit nur geringfügig hinsichtlich der Aversikonographie; auf den Münzrückseiten ist indes jeweils ein Kopf einer nicht näher bestimmbaren Person oder einer Gottheit wie Apollon,21 Dionysos22 oder Pan23 abgebildet. Auf der Rückseite eines weiteren Münztyps der Bronzeprägung ist eine Kammmuschel zu erkennen;24 zudem erfreut sich auch die Darstellung von Ähren als Rückseitenmotiv der frühen Bronzemünzen großer Beliebtheit.25 Ein einziger Typ der frühen Bronzeprägung zeigt erstmalig einen nach rechts sitzenden Greif auf der Vorderseite.26

Spätklassische Zeit und Hellenismus

Die spätklassischen und frühhellenistischen Silbermünzen unterscheiden sich dahingehend von den früher datierenden Silbermünzen, als dass der Magistratsnamen nicht mehr auf den Münzrückseiten sondern auf den Münzvorderseiten zu lesen ist und auf den Reversen das Ethnikon wiedergegeben wird. Die Averse zeigen unverändert einen Greif, der nun aber überwiegend liegend oder springend und nur noch selten in sitzender Haltung wiedergegeben wird und gleichermaßen nach rechts oder nach links gewandt ist. Auf den Rückseiten der Silbermünzen ist ein Apollon-Kopf zu erkennen, der teilweise isoliert dargestellt oder in ein Linienquadrat eingebettet ist. Dabei verdient eine verhältnismäßig früh datierende Silberdrachme mit liegendem Greif auf der Vorderseite und Apollonkopf im Linienquadrat auf der Rückseite besonderes Interesse, da in der Avers-Legende dieses Münztyps der thrakische König Spokes genannt wird, der um 360 v. Chr. in Abdera prägte.27

Auf einigen Rückseiten der spätklassischen und frühhellenistischen Bronzemünzen ist ebenfalls ein Apollonkopf dargestellt. Andere Reverse von Bronzemünzen zeigen ein Linienquadrat, in dessen vier Feldern sich jeweils ein großer Punkt befindet; die Legende nennt als Umschrift des Linienquadrats bei fast allen Typen den Magistratsnamen,28 während die Vorderseiten anders als bei den zeitgleichen Silbermünzen keine Legenden tragen. In die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. datieren außerdem einige Goldmünzen, die auf der einen Seite einen nach links liegenden oder springenden Greif und auf der anderen Seite einen Apollon-Kopf mit Lorbeerkranz zeigen.29

Auf den Vorderseiten einiger etwas später datierender frühhellenistischer Silber- und Bronzemünzen liegt der Greif auf einer Keule, während die Münzrückseiten unverändert den Apollon-Kopf zeigen. Zudem werden bei einigen frühhellenistischen Typen Vorder- und Rückseitenikonographie vertauscht, sodass auf den Vorderseiten der Apollon-Kopf und auf den Rückseiten der liegende oder springende Greif dargestellt ist. Neben Apollon wird auf den Rückseiten weiterer Münzen aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. der Kopf eines nicht näher bestimmbaren bartlosen Mannes wiedergegeben.

Neben Apollon werden im späteren Hellenismus weitere Gottheiten in das ikonographische Repertoire von Abdera aufgenommen. Einige Typen, die grob in den Zeitraum von 250 bis 150 v. Chr. datieren, zeigen nun auf der Vorderseite einen Hermes-Kopf mit Petasos, während der Greif jetzt fast ausschließlich als Rückseitenmotiv Verwendung findet. Zwei späthellenistische Münztypen zeigen einen wohl als Poseidon zu interpretierenden männlichen Kopf auf der Vorderseite und wiederum den Greif auf der Rückseite.30

  1. CN_Type6625. ↑

  2. Eine Ausnahme ist CN_Type6622; bei diesem Typ gibt die Revers-Legende das Ethnikon an. ↑

  3. CN_Type6036; CN_Type7265; CN_Type7282. Siehe auch May 1966, 270. ↑

  4. CN_Type7027; CN_Type7028. ↑

Römische Kaiserzeit

Abdera prägte einige wenige Münztypen für die römischen Kaiser Tiberius, Claudius, Nero, Vespasian, Trajan, Hadrian und Antoninus Pius. Die Münzvorderseiten zeigen das Kaiserporträt; auf den Rückseiten ist entweder der konsekrierte Vorgänger oder eine Nike mit ihren üblichen Attributen auf einer Basis dargestellt. In Hinblick auf den Lokalmythos von Abdera ist eine kaiserzeitliche Prägung für Antoninus Pius besonders interessant: Die Rückseite dieses Typs zeigt einen jungen Mann mit Diadem, der von K. Chryssanthaki-Nagle vorsichtig als Abderos, der im Gründungsmythos der Stadt Abdera eine zentrale Rolle spielt, interpretiert wird.31 Trifft diese Interpretation zu, so wird anhand dieses Münztyps die tiefe Verankerung der (mythologischen) Gründungsgeschichte im Bewusstsein der Abderiten luzide deutlich.

  1. CN_Type7121 Siehe dazu Chryssanthaki-Nagle 2007, 350. ↑

Bibliographie

  • Chryssanthaki-Nagle 2007 = K. Chryssanthaki-Nagle, L’histoire monetaire d’Abdere en Thrace. VIe s. av. J.-C. – IIe s. ap. J.-C., MEΛETHMATA 51 (Athen 2007).
  • Hirschfeld 1894 = G. Hirschfeld, Abdera, in: RE I,1, 1894, Sp.22-23.
  • May 1966 = J. May, The coinage of Abdera. 540-345 B.C. (London 1966).
  • Psoma 2015 = S. Psoma, Did the so-called Thraco-Macedonian standard exist?, in: U. Wartenberg – M. Amandry (Hrsg.), ΚΑΙΡΟΣ- Contributions to Numismatics in Honor of Basil Demetriadi (New York 2015) 167-190.
  • Ruschenbusch 1983 = E. Ruschenbusch, Tribut und Bürgerzahl im ersten attischen Seebund, in: ZPE 53, 1983, S.125-143.
  • Varbanov (vol. II) 2005 = I. Varbanov, Greek Imperial Coins. And their Values, vol. 2: Thrace. From Abdera to Pautalia (Bourgas 2005).

Karte der Münzstätten mit Typologie


Legende
Münzstätte
Fund
Fundort