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Die Münze des Monats

Juni 2022: Ein äolisches Mysterium

Die Münze des Monats wird präsentiert von Vladimir Stolba


Die für den Monat Juni 2022 ausgewählte Münze gehört zu einer kurzlebigen frühhellenistischen Serie, deren Identität Gelehrte seit fast zwei Jahrhunderten beschäftigt und trotz der Fülle der vorgeschlagenen Theorien ein großes numismatisches Rätsel bleibt.

Über diese Münzen wurde viel gesagt, und doch ist wenig bekannt. An der Diskussion, die sich um diese Münzen entwickelte, waren so herausragende Persönlichkeiten der letzten zwei Jahrhunderte beteiligt wie Ludwig Müller, Friedrich Imhoof-Blumer, Warwick Wroth, Lois Robert, John Cook und andere. Die Serie besteht aus zwei Haupttypen, von denen einer in Silber und einer in Bronze geprägt wurde. Die Silbermünzen zeigen den Kopf der Athene mit korinthischem Helm, während die Bronzemünzen einen weiblichen Kopf zeigen, der gewöhnlich als Hera identifiziert wird. Die Rückseiten weisen in beiden Metallen das Motiv eines Blitzes auf, das von verschiedenen Kontrollmarken und der Inschrift ΑΙΟΛΕ begleitet wird. Während sich die Forscher im Allgemeinen über das frühhellenistische Alter dieser Münzen einig sind, lösten ihre Deutung und die Zuordnung zu einer bestimmten Münzstätte erhebliche Kontroversen aus. Bereits 1876 verwarf Imhoof-Blumer mit seinem bemerkenswerten Gespür die bisher angenommene Verbindung dieser Münzen mit der thrakischen Chersonesos und betrachtete sie als eine Allianzprägung der äolischen Städte, die möglicherweise in Methymna auf Lesbos hergestellt wurde. Er wies zu Recht darauf hin, dass die Funde dieser Münzen nicht charakteristisch für Thrakien sind. Die Münzfunde blieben auch das Schlüsselargument für seine Kontrahenten. Da die Mehrzahl der gemeldeten Funde aus der Troas stammt, schreiben sie die Münzen dieser Region und nicht Lesbos zu, unabhängig davon, ob diese Serie als städtische Prägung einer ansonsten nicht belegten Polis (Robert) oder als Emission des Koinons äolischer Städte (Cook, Lazzarini, Lenger, Ellis-Evans) betrachtet wird. Mehrere Gelehrte betrachteten Assos als dessen Zentrum und als wahrscheinlichste Münzstätte dieses mutmaßlichen Bündnisses. Die Versuche, diese Zuschreibung mit typologischen und stilistischen Parallelen in der Münzprägung von Assos zu untermauern, waren jedoch nicht erfolgreich. Die Tatsache, dass unsere Datenbank diese Münzen Assos zuordnet, spiegelt eher den Stand der publizierten Debatte als die Akzeptanz einer solchen Zuschreibung wider. Einige der von Imhoof-Blumer vorgebrachten Argumente behalten nach wie vor ihre Gültigkeit, was darauf hindeutet, dass die Diskussion noch lange nicht beendet ist. Das Mysterium bleibt bestehen und verlangt nach einer neuen, gründlichen Untersuchung dieser interessanten Münzprägung.



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